Ein wunderbares Leben

Mit durchschnittlich deformierten, gesellschaftskonformen Augen betrachtet, hatte sie immer schon eine leichte Macke gehabt, zugegeben. Wer sich allerdings die Mühe machte, näher zu kommen, sie besser kennenzulernen, sie aus der Schublade rauszulassen, gewann einen anderen Eindruck.

Wie auch immer, nachdem sie mit großem Stolz ihre Ausbildung zum Heilpraktiker abgeschlossen hatte (und wohl die gesamte Nachbarschaft dabei tuschelnd und kopfschüttelnd mit den Augen rollte) zeigte sich, dass das alles nicht so einfach war. Die Idee im weißen Kittel Rücken abzuklopfen wollte wohl nur mit entsprechenden Praxisräumen gelingen – die sie auch anmietete … aber schon bald mangels Patienten schließen musste. Shit happens.

Ein paar Jahre gingen ins Land, waren es fünf? Oder mehr? Egal. Jedenfalls hatte das Leben zwischenzeitlich rauh mit ihr gespielt. Zumindest kam es ihr so vor. Die Idee der Naturheilpraxis war natürlich längst vergessen – man muss schließlich Niederlagen auch hinter sich lassen – und außerdem gibt es so viele andere interessante Dinge, mit denen man sich beschäftigen kann. Eine Igel-Station, beispielsweise. Das machte ihr schon viel Spaß.

Na ja, und um Leben zu können, hatte sie eine Putzstelle angenommen. Das war jetzt nicht wirklich ihr Ding, aber was sie hatte, war ein etwas fortgeschrittenes Alter und was ihr fehlte, war eine gesellschaftskonforme Ausbildung – was also blieb ihr übrig? Man nimmt, was man kriegen kann. Immerhin, gelegentlich, wenn jemand mit ihr erzählte, so zwischen Schreibtisch abwischen und Papierkorb ausleeren, konnte sie sagen, dass sie eigentlich ja nicht nur eine Igel-Station hatte, sondern Heilpraktikerin war …

Und doch hat jeder einen Punkt, an dem etwas in einem bricht, über den hinaus man sich nicht biegen lassen kann. Den Auftakt bildete ein Gespräch, das sie mit dem Personaler der Firma hatte, in der sie putzte. Die Zeiten seien hart, für alle, da müssten wohl auch alle ein bisschen zurückstecken – auch sie. Also gab man ihr noch mehr Arbeit – eine weitere Halle mit Büros, die man angemietet hatte, musste auch sauber gehalten werden, und eine kleine Gehaltskürzung – also natürlich im Rahmen – die müsse sie halt schon in Kauf nehmen. Man habe sich Angebote von Fremdfirmen eingeholt …

Das tat weh – aber welche Alternative hatte sie? Der Knackpunkt aber kam eine Woche später. Sie hatte gerade die Fenster geputzt, als der Inhaber der Firma, der es wohl gerade nicht so gut ging, auf seine nagelneue Harley stieg und mit einem Kollegen, der an einem anderen Fenster stand, flachste. Wie er denn diese geile Maschine fände, rief er vom Parkplatz hinauf. Habe er letzte Woche gekriegt. Saugeiles Teil. Er habe auch gleich zwei Maschinen gekauft, so dass er mit seiner Frau am Wochenende auch mal ‘raus könne … Er saß auf seinem Motorrad, grinste übers ganze Gesicht, ballte die Faust, reckte sie steil in die Luft und rief: „Das Leben ist wunderbar!”

In ihr brach etwas entzwei. Ganz leise, aber nichtsdestotrotz sehr schmerzhaft. Sie stand bei geöffnetem Fenster, den Putzeimer samt Wischer vor sich, und weinte. Leise. Bewegungslos. Dicke Tränen. Das Leben ist wunderbar!

„Das Leben ist ein großer Haufen Scheiße!” schrie sie laut hinaus, als sie in ihr altes Klapperauto geklettert war, um nach Hause zu fahren. „Nix wunderbar! Scheiße!”

Und mit jedem Meter, den sie fuhr, rollte dieser verdammte Satz durch ihr Gehirn: „Das Leben ist wunderbar! Das Leben ist wunderbar!”

Wieso war es ihr Leben nicht? Wieso war sie so weit unten angekommen? Was, verdammt nochmal, machte sie denn falsch? Was musste sie machen, um auch ein wunderbares Leben zu haben?

In dieser Nacht konnte sie nicht schlafen. Schon der Sorgen wegen. Die Gehaltskürzung war eigentlich nicht zu stemmen. Sie musste etwas ändern. Irgendwas!

Als sie am nächsten Morgen halb tot vor Müdigkeit im Bad vor dem Spiegel stand und sich lange anschaute, stellte sie fest: Alte, du siehst scheiße aus! Du hast dich gehen lassen!

Stimmte nicht wirklich, hatte aber einen wahren Kern.

„Herrgott nochmal,” sagte sie laut zu ihrem Spiegelbild. „Du bist Heilpraktiker – was hast du aus dir gemacht? Wieso siehst du so unglücklich aus? Und wie du dich anziehst? Und was du alles vor dich hindenkst – was soll denn das?!”

Und was wäre, wenn sie jetzt ihre eigene Patientin wäre? Was, wenn sie jetzt eine Patientin hätte, die ihr sagte, sie sei so erschöpft, so müde und abgekämpft, so deprimiert und niedergeschlagen – so ohne jede Hoffnung: Was würde sie raten? Wie würde sie da dran gehen, zu helfen? Welche Schlussfolgerungen böte diese Anamnese?

Und dann hielt sie den Atem an. Ihr Herz klopfte so laut, dass es die Nachbarn hören mussten! Sie schaute ihre Patientin an, die immer noch so niedergeschlagen aus dem Spiegel schaute, deren Gesichtszüge aber sich zu straffen begannen – und dann schrie sie es heraus! So laut sie nur konnte: „Das Leeebeeen iiiist wuuuunderbaaaar!”

Da draußen gab es Millionen von Menschen, deren Leben einfach nicht wunderbar sein wollte – weil sie zu vieles zuließen, das sie davon abhielt, das Wunder ihres Lebens zu erkennen und anzunehmen. Und bei jedem war es etwas anderes!

Am besten fing man damit an, den einzelnen Menschen genau zu betrachten! Wie geht es ihm körperlich und was ließe sich hier verbessern? In welcher Gefühlslage befand er sich überwiegend – und welche Ursachen konnte das haben? Wie konnte man denen beikommen? Wie dachte dieser einzelne Mensch? Und wie ließen sich diese Muster brechen?

Und am besten machte man diese Anamnese bei den jeweiligen Leuten zu Hause – nicht in einer Praxis – da würde man auch sofort sehen, wie sie ihr Leben (= Wohnung) gestalten.

Gütiger Himmel! Sie war doch Heilpraktikerin, oder nicht? Und war das nicht auch Heilung, die sie hier anbieten konnte? Eine ganz praktische und individuelle noch dazu? Und wer sagt, dass man seine Problem nur für sich selbst hat?

Jetzt war ihre Ausbildung abgeschlossen und sie konnte ein Angebot machen – eines, zu dem sie mit absoluter Überzeugung stand.

Ist Ihr Leben auch wunderbar? Vieles lernt man miteinander besser. Telefon …

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