Wissen ist gefährlich

Vor ein paar Tagen fand ich beim Durchstöbern eines Online-Fotoalbums das Bild eines (Klapper-)Storches – und war sofort hellwach: Ein Klapperstorch! Das ist der, der Neuigkeiten bringt – fruchtbare Neuigkeiten! Oder sogar mehr als Neuigkeiten – es ist der, der die Babys bringt – also schon etwas Fertiges, etwas, das auf der einen Seite noch im Entstehen, aber gleichzeitig doch schon weitgehend entstanden ist. Ich meine … was für ein interessantes Wachtraumsymbol!

Ich lud mir das Bild sofort herunter und schob es erst mal in mein Tagebuch. Kurze Zeit später untersuchte ich mein Wachtraumsymbol. Ein – ja was? Ein abfliegender Storch? Auf dem Bild war nur der Storch mit (noch?) weitgehend heruntergeklappten Beinen zu sehen … konnte ebenso gut ein Storch sein, der kurz vor der Landung war. Und überhaupt: Weit und breit kein Nest zu sehen. Das erlaubte der Bildausschnitt nicht, weil das Foto von unten her gemacht wurde, so dass ein Dachgiebel ein möglicherweise weiter hinten aufgebautes Nest verdeckte.

Und welche Bedeutung hatte das, wenn der Storch, der eigentlich fruchtbare Neuigkeiten bringt, oder doch bringen könnte, ohne Nest war? Oder hatte das gar keine Bedeutung? Und noch mal zurück zur Frage: War der Storch jetzt im Landeanflug oder gerade am Starten? Welchen Einfluss hätte das auf die Symbolik? Brachte er schon etwas oder wird er das erst tun? Muss ich meine Aufmerksamkeit auf Botschaften hin schärfen, die in allernächster Zeit kommen würden oder sollte ich mein Tagebuch nach Botschaften durchforsten, die ich vielleicht übersehen hatte?

Ganz prinzipiell liebe ich komplizierte Symbole. Viel mehr als einfache. Sie lassen mehr Raum für Interpretation. Mehr Raum für Geschichten. Mehr Raum für die Gestaltung von Geschichten. Und ist denn der Traum, den man lebt, etwas anderes als eine Geschichte? Und sind Wachträume und Wachtraumsymbole nicht Gestaltungsvorschläge für die Geschichte, in der man lebt? Mögliche Variationsideen?

Ich hatte das Glück, in Kontakt mit der Fotografin des Bildes zu stehen. Also schickte ich ihr eine kleine Notiz zu diesem Foto und dass ich es gleich zu einem wichtigen Teil meines Tagebuches gemacht hatte – und bedankte mich dafür, dass sie es gemacht und veröffentlicht hatte.

Sie schrieb zurück, es sei gar kein Klapperstorch sondern ein Reiher, den sie ganz spontan mit einer ganz einfachen Kamera geknipst hatte, als der überraschend ihr Haus besuchte …

Nicht immer sind die Dinge so, wie sie aussehen! Es ist gefährlich, sich allzu früh darauf festzulegen, was etwas bedeutet – egal ob es eine Sache, eine Aussage oder das Verhalten eines Menschen oder Tieres ist, denn es öffnet der Fehlspekulation über den eigenen Traum Tür und Tor. Es lässt uns die eigene Geschichte in eine Richtung erzählen, die sich sehr gut als überflüssiger Umweg entpuppt.

Schon klar, am Ende gibt es keine de facto Umwege, nur Lernerfahrungen. Und doch – müssen wir wirklich jeden Fehler machen? Wissen ist gar nicht mal so selten eine lustvolle Einladung zu Umwegen – wo es am Ende gar nicht um den Umweg geht, sondern um die nötige Distanz zu dem, was man zu wissen glaubt.

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