Berge der Leidenschaft

Viele, die (leidenschaftlich) gerne nähen, kennen das: Wie in Trance schleppt man sich zum nächsten Stoffdealer (pardon: Stoffhandel), wühlt durch Berge von Stoff, entdeckt Myriaden von damit verbundenen Ideen, und kauft. Und kauft. Und kauft. Und über einen gewissen Zeitraum hinweg entstehen in den Heimen der Näh-KünstlerInnen ebenfalls Berge von Stoff, in denen Myriaden von Ideen lauern!

Ganz gleich, ob es sich um Berge von Stoff, Stapel ungelesener Bücher, Kisten voller Perlen und Steine für Schmuck, Regale voller Papier für Schachteln oder um irgendwelche anderen Berge der Leidenschaft handelt, fast immer entsteht daraus Lähmung!

Was sich zu Hause in prächtigen Farben und verführerischem Glanz stapelt, signalisiert dem Hirn, nichts zu tun außer neue Kaufgelegenheiten zu entdecken. Und neue Ideen. Diese Berge der Leidenschaft führen am Ende weiter weg vom Nähen, vom Praktizieren der Kunst, vom Genuss des Machens!

Je mehr Ideen sich um einen herum ansammeln, ohne das etwas mit ihnen geschieht, desto sicherer entsteht eine progressive geistige Lähmung, denn diese Ideen sind kleine geistige Lebewesen, die Nahrung brauchen! Sie sinken zwar relativ schnell in den Bereich des Vergessenen, nichtsdestotrotz sind sie da und fordern nicht nur Energie, sondern erhalten sie auch – von unserem Wachbewusstsein völlig unbemerkt.

Ist klar jetzt, warum Feng Shui mit Ausräumen und Entrümpeln beginnt? Glauben Sie mir, wenn ich Ihnen sage, dass auch Ideen notiert und organisiert werden müssen, wenn Sie mehr statt immer weniger Kraft haben wollen?

Das vielleicht allergrößte Problem vor allem von Kleinkunst-HandwerkerInnen liegt genau darin, nicht über diesen Punkt rein mechanischen Handelns hinauszugehen. Fast immer, weil man sich dessen gar nicht bewusst ist und eher über diese Marotte lacht. Tatsächlich aber sind wir alle auf der Suche nach spiritueller Freiheit und die wiederum erwacht in der Fortentwicklung des eigenen Könnens und in der Hingabe an die eigene Kunst!

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  • Das ist mein Lieblingssatz (bzw. ein Teil daraus) in dem obigen Artikel, in dem ich mich heftig wieder erkannt habe:
    „….Genuss des Machens!…“ Ich kenne aber ebenso den Rausch der Ideen. So gut. So oft. Sie zu akzeptieren und sich an ihnen zu freuen wie am Frühling, der uns mit Überfluss beschenkt, das finde ich schoen. Und der Frühling produziert doch auch nicht aus jeder Blüte einen Apfel.
    Vielleicht ist es vor dem Machen spannend, zu schauen inwiefern die Ideen einen suchtartigen Charakter bekommen. Worin ja auch die „suche“ steckt.
    Meine Ideen möchte ich gar nicht missen. Aber auch nicht den inneren Anspruch so viel Raum geben, dass ich sie nun alle alle verwirklichen müssen.
    Vielleicht hilft ein kräftiger Lacher zwischendrin, was für Clowns im Alltag wir doch sind. Da brauchen wir gar nicht mehr in den Zirkus zu gehen…
    Zurück zur Freude des Machens: das hat was langsames – dem Werk beim Entstehen zuschauen, das ist für mich Finden. Ankommen.

    Vielen Dank, lieber Raimund für diese phantastischen Inspirationen, die ich hier bei Ihnen im Blog schöpfen kann… unglaublich schön. 🙂 🙂 🙂