Selbstreflexion

„[…] man braucht keine geniale Fähigkeit irgendwo zu haben. Grade die Fähigkeit, die man im Moment hat, muss zur Wirkung kommen.”

Joseph Beuys (auf der Documenta 1972)

Grade die Fähigkeit, die man im Moment hat – die Frage ist, ob man sie erkennen kann! Ob man sie erkennen will! Oft steht einem dazu die eigene Denkgewohnheit im Weg!

Eine Fähigkeit, die man immer hat, ist Selbstreflexion. Bedauerlicherweise wird sie fast immer von Gewohnheit dominiert. Will sagen: Wir sehen uns so, wie wir uns eigentlich immer schon sahen. Vor allem, wenn wir uns in Grenzbereichen bewegen. In unbekanntem Territorium.

Selbstorganisation folgt dem Bewusstsein und ist eher Prinzip als willkürlich veränderbare Funktion. Will man sich ändern, geht das nur sehr schwer über Wissen in Richtung Bewusstsein (= ich müsste/sollte dies und das ändern und wenn ich das nur endlich schaffte, dann …), aber viel leichter über Bewusstsein in Richtung Wissen. Womit wir wieder beim Punkt der Selbstreflektion wären.

Kleinunternehmer und Kleinkunst-Handwerker kommen (eben nur) bis zu einem ganz bestimmten Punkt ihrer Entwicklung, aber nicht darüber hinaus. Selbstorganisation und Selbstverständnis sind auf diesen Punkt hin zugeschnitten: Man produziert, wie man immer produziert, besucht Messen mit immer dem gleichen Stand und mehr oder weniger immer dem gleichen Ergebnis. Man bietet seine Kunstwerke bei Dawanda und/oder Etsy an – und findet sich mit dem Ergebnis ab. Warum auch nicht?

Aber wenn man darüber hinausgehen will, hat das weniger damit zu tun, mehr, anders und anderswo zu produzieren und/oder anzubieten, obwohl das oft die Folge sein wird. Vielmehr muss man damit beginnen, sich selbst anders zu sehen, denn alles andere folgt aus diesem veränderten Bewusstsein: Disziplin, Organisation, Einstellung.

Sie haben die Fähigkeit der Selbstreflexion – verplempern Sie sie nicht mit schierer Gewohnheit, sich immer und immer wieder so zu sehen, wie damals, als sie noch Angst vor allem hatten und unerfahren waren. Sehen Sie sich mutig! Erlauben Sie sich selbst, groß zu sein, großartig, interessant und meinetwegen wild. Sehen Sie sich als etwas Besonderes, als etwas, das die Schöpfung allein zu dem Zweck hervorgebracht hat, zu tun, was eben nur Sie tun können – auf Ihre eigene, ganz individuelle schöpferische Weise.

Seien Sie einfach sich selbst, in dem Sie sich jeden Tag ein Stück weit neu entdecken! Selbstreflexion in diesem Sinne bedeutet nicht, sich zu sehen wie man ist, sondern wie man definitiv sein wird.

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  • Hallo,
    Habe gerade über Anne Kerstin Busch diese tolle Seite entdeckt. es macht Spaß hier zu blättern und fündig zu werden. Sehr ermutigend dieser obige Beitrag auch.
    Joseph Beuys‘ Zitat macht so deutlich, dass schon alles da ist ( in uns, vor uns in unserem Alltag). Die Fähigkeit, mit neuen – unverbrauchtem Blick zu sehen, hat was Erfrischendes und Befreiendes. Das erlebe ich unter anderem auch hier.

    Wahrscheinlich wird es diese Fähigkeit sein, die wir in Zukunft wieder mehr nutzen können / sollen. Dann kommt raus, dass alle Menschen Originale sind, auch wenn sie sich nicht so fühlen.

    Zu Deinem letzten Satz in Deinem Beitrag habe ich eine etwas andere Meinung.
    „..Selbstreflexion in diesem Sinne bedeutet [..], sich zu sehen [..] wie man definitiv sein wird….“. Ich denke man IST schon so und zieht ‚einfach‘ den Vorhang weg.. und kann staunen:z.B. was alles schon da ist, aber verkannt wurde, falsch bewertet wurde, oder abgewertet wurde, weil es keinem gängigen Klischee entsprach.
    Kenne ich selbst verdammt gut. Die Selbstreflexion braucht eine gewisse geistige Klarheit. Und da bin ich dran.. Auch der Austausch und die Resonanz mit ähnlichen Menschen oder denen die auf einem ähnlichen Weg sind, ist, zumindest für mich- sehr wichtig.

    • rk-f

      Hi Dagmar,

      schön, dich hier zu haben 🙂

      Du hast natürlich völlig Recht! Alles, was ist, ist Hier und Jetzt. Und doch habe ich den Eindruck, dass wir nicht gleichzeitig jedes Sein leben … können.

      Hier und Jetzt, so wie ich es sehe, ist ein Begriff für Wandlung und Veränderung des (eigenen) Seins. Im Grunde suchen wir einen (bewussten) Weg, unser Selbsterleben Stück für Stück von der einen Art in die andere zu (ver)wandeln. Die Vorhang weg-Idee ist natürlich eine gute Idee. Eine andere wäre, die Wandlung in eine kleine Geschichte zu packen.

      Wie man es am Ende macht, ist nicht so wichtig und hängt hauptsächlich von persönlicher Neigung ab. Wichtig ist nur, dass die Technik emotional ist, denn ohne Gefühl ist es nur eine Idee, die am Ende nirgendwo hin führt …

      Vielen Dank für deine Gedanken!