Stimme der Vernunft?

Taucht man ein in dieses unfassbare Hier und Jetzt, kann zweierlei geschehen: Man ist gelähmt von der überirdischen Fülle an Möglichkeiten oder gelähmt von der Tatsache, dass Möglichkeiten alleine noch nicht viel bedeuten. Aber erst mal ist man schockiert im Anblick des Abgrundes, der sich zwischen Hier und dem Tod eröffnet, diesem Abgrund, den man Zukunft nennt.

James P. Carse drückte es so aus:

„In einem endlichen Spiel versuchen wir, jede mögliche Eventualität zu kontrollieren, die Zukunft und die Vergangenheit total zu kontrollieren, um die Gegenwart zu betäuben […] In einem unendlichen Spiel – und es gibt nur eines – greift die Zukunft zurück, fordert die Gegenwart heraus und verändert die Vergangenheit.”

Endliche Spiele sind nach Carse Spiele, die man spielt, um zu gewinnen. Es sind Spiele innerhalb von Grenzen. Ich definiere meine Ressourcen, setze mir Ziele, versuche sie, zu erreichen.

Unendliche Spiele sind Spiele die man spielt, um zu spielen. Es sind keine Spiele innerhalb von Grenzen, sondern solche, bei denen man mit den Grenzen spielt. In einem unendlichen Spiel sind Ressourcen grenzenlos: Was, wenn meine größte Schwäche meine größte Stärke wäre? Die Grenze „mir fehlt einfach Geld, um diese Investition zu stemmen – und ohne geht’s nicht!” wird zu einer Ressource: „Gut, dass ich kein Geld habe, denn sonst hätte ich das einfach gekauft, statt mir etwas auszudenken … Geld kann denkfaul machen, das bleibt mir jetzt erspart …”

Wenn sich der Schock gelegt hat und die Lähmung den Geist verlässt, wenn man eintaucht in die Lust eines Spielers am Spiel, wenn man die grenzenlose Weite der offenen See und die unfassbare Tiefe des Lebens auszuloten beginnt, fängt man an zu vibrieren. Man hat das Bedürfnis, zu schreien! Der Enthusiasmus lässt das Herz springen und klopfen, als wolle es zerplatzen, denn es gibt nichts, was unerreichbar wäre, nichts was unzugänglich wäre, nichts, was man an sich selbst als unzulänglich betrachten könnte. Nichts, was einen zurückhalten könnte – bis auf einen Rest an Mittelmäßigkeit, die sich irgendwo im Gerüst der Knochen oder Sehnen verfangen hat und nicht verschwinden wollte.

Dann läuft man los, oder hüpft und springt, rennt und schreit und stürzt in die Zukunft, bis die Lungen stechen und die Beine schwer werden – und man müde wird. Müde von der Begeisterung. Müde von der Fülle, in die man als Wesen gesetzt wurde. Müde von der Erstklassigkeit, an der man gekostet hatte und betrunken wurde. Müde von den Möglichkeiten. Müde vom Wachsein.

Man hält inne im Taumel, steht für einen Moment lang still und hört nach innen, nach den Stimmen, nach dem Klang der Vernunft die einem rät: „Du brauchst Ziele! Klar umrissene Ziele! Am besten, du machst dir eine Liste deiner Ressourcen! Schreib alles auf! Und dann machen wir einen Plan …

Ist das die Stimme der Vernunft? Das soll es sein, das die Gegenwart herausfordert und die Vergangenheit ändert?

Wer weiß … es braucht eine Weile bis man versteht, dass ein unendliches Spiel aus unendlich vielen endlichen besteht … Man ist frei, wenn man sich dazu entscheidet!

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