Tunnelblick

Eine der aus meiner Sicht am meisten unterschätzten Tugenden ist Losgelöstheit: Losgelöstheit vom Augenblick, vom Ergebnis, von Analysen und Szenarien, von Datenreihen und Besprechungsergebnissen, von Hoffnungen und Befürchtungen. Es geht darum, zu akzeptieren, was vor einem liegt, ohne sich darin zu verlieren. Ohne sich damit zu identifizieren. Es geht darum, zuzulassen, dass es immer noch etwas gibt, was man nicht weiß.

Losgelöstheit – ein ebenso passendes Wort ist Souveränität – fußt auf innerer Gewissheit, mit jeder Situation fertig zu werden. Dazu braucht es Unterscheidungsvermögen: Ist jetzt die Zeit zum Handeln? Norbert Blüm sagte einmal über Helmut Kohl, viele hätten geglaubt, er würde Probleme einfach nur aussitzen, tatsächlich aber habe er nur einen untrüglichen Instinkt dafür gehabt, wann die richtige Zeit für eine Entscheidung oder fürs Handeln gekommen war.

Dieses Gefühl, zu wissen wann man handeln muss und wann nicht, geht einem definitiv verloren wenn man zu müde ist. Ausreichend Schlaf zu haben, hat alles mit der Fähigkeit zu tun, loszulassen und dem Tag adieu zu sagen! Den Tag zu beenden, um schlafen zu gehen, ist vielleicht der unspektakulärste und dennoch nachhaltigste Beweis für persönliche Souveränität und Losgelöstheit.

Zu wenig Schlaf führt zum vor sich hin Treiben und zu einem Tunnelblick in die falsche Richtung … Was für eine Verschwendung von Leben und schöpferischen Möglichkeiten 🙁

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