Abgründe

In der deutschen Sprache kennen wir zwar das Verb träumen, verwenden es im Allgemeinen aber eher passiv – also etwas, was uns geschieht oder geschehen ist. „Ich habe geträumt,” meint demnach eher: „Ich hatte einen Traum

Nichtsdestotrotz kennen wir träumen durchaus auch als aktive Form – meinen dann aber eher, sich etwas vorzustellen – sich etwas vorzustellen, was jetzt nicht ist (weshalb sollte man es sich sonst vorstellen?): Man legt sich auf die Couch und träumt vom eigenen Erfolg, von einer besseren Welt oder von weiß ich was noch.

Gleichzeitig wurde in den letzten drei Jahrzehnten eine Art Zwischending populär: Flow! Flowzustände sind Momente des Eintauchens in das was man tut – so sehr, dass es sich anfühlt, wie ein Traum. Ein Zustand des Genießens der Gegenwart und des eigenen Handelns im jeweiligen Augenblick.

Bedauerlicherweise führen aber sowohl Flow-Erlebnisse als auch das sich Vorstellen (= träumen) von Gewünschtem zunächst mal nur an einen schier unüberwindlichen Abgrund, der den jeweiligen Augenblick mit der Zukunft verbindet. Den missing Link, der das Vorgestellte mit der Realität verbindet.

Hirnforscher sagen uns, dass das Gehirn nicht zwischen der Vorstellung einer Mauer und dem tatsächlichen Sehen einer Mauer unterscheidet – und sie machen das daran fest, dass in beiden Fällen, beim sich Vorstellen und dem tatsächlichen Sehen, die gleichen Hirnareale aktiv werden – aber, seien wir ehrlich: Wir sehen den Unterschied – und der liegt oft alleine darin begründet, dass wir die Augen aufmachen!

Wir liegen auf der Couch, vielleicht noch vibrierend von dem megagenialen Text, den wir für unser Buch gerade geschrieben haben und stellen uns vor, wie tausende begeistert unser Buch gekauft und gelesen haben. Dann machen wir die Augen auf und fragen uns, wie wir das Buch denn nun verkaufen. Und wem. Und stehen vor besagtem unüberwindlichen Abgrund. Schließlich sind wir Autoren, keine Verleger …

Wir kommen aus einem Abend voller Flow-Erlebnisse ins Bett und träumen, wie unsere Schlüsselanhänger reißenden Absatz finden. Zu Recht, denn wir haben vielleicht gerade fünfzig davon liebevoll genäht und eingepackt. Aber wenn wir am nächsten Morgen aufwachen und die Box mit den fünfzig neuen Schlüsselanhänger betrachten, schweifen die Gedanken schon wieder ab – wir überlegen, wo wir das Geld für die Autoreparatur herkriegen, oder die Nebenkostenabrechnung. Und das erste, was uns einfällt, sind nicht die Schlüsselanhänger, sondern ob wir genug Material für einen Flohmarkt haben … Wir sind an besagtem Abrund angekommen – und fast immer drehen wir um. Fast immer entscheiden wir uns für das, was wir schon kennen – für das, dessen Schmerz wir aushalten können.

„Hach, es wäre schon schön, wenn ich von meinen Sachen (sprich: Bücher, Bilder, Patchworkdecken, Schlüsselanhänger …) leben könnte …,” sagte sie, während sie sich vom Abgrund abwandte und zurückkehrte.

Flow-Erlebnisse sind schön, sicher. Sich etwas vorzustellen auch. Nützlich wird aber beides erst, wenn es sich auf das bezieht, was uns unbekannt und unbequem ist, wenn sich unser Bemühen darauf richtet, den Abgrund zu überqueren.

Auf dem Weg zu den Drachen müssen Jim Knopf, Lukas der Lokomotivführer und Emma, die Lokomotive, die Region der Schwarzen Felsen durchqueren. Die Felsen dort sind so schwarz, dass alles Licht und alle Wärme von ihnen verschluckt wird. Es führt nur eine schnurgerade, sehr schmale Straße zwischen zwei entsetzlichen Abgründen hindurch, von der die drei bedauerlicherweise ab- und gefährlich über dem Abgrund wippend zum Stehen kommen. So direkt über dem Abgrund, dass Emma, die Lokomotive am Kippen ist.

Nachdem Michael Ende diese Szene geschrieben hatte, steckte er in einem Dilemma: Wie weiter? Jim und Luka konnten die Lokomotive auf Grund der absoluten Kälte nicht verlassen, aber selbst wenn Sie es hätten können, auf Grund der ewigen Finsterniss durch die schwarzen Berge, hätten Sie nicht sehen können, in welcher Lage sie sich befinden. Und Michael Ende hatte auch keine Idee, was man tun könnte.

Er fragte seine Freunde am Stammtisch nach einer Lösung – und einer der besseren Ratschläge war: „Schreib doch was anderes!” In einem Interview mit der Zeit sagte Ende, dass auch Märchen Regeln folgen.

„Sie können die verrückteste und aberwitzigste Geschichte schreiben, aber sie muss in sich konsistent sein – das ist sie, wenn sie Regeln folgt. Sie können sich die Regeln selbst ausdenken, aber wenn sie festgelegt sind, müssen Sie ihnen folgen.”

Zwei Wochen grübelte Ende über eine mögliche Lösung, wie Jim Knopf, Lukas und Emma, die Lokomotive, weiterkommen könnte – und hatte schließlich eine grandiose Idee: Schnee! Er ließ Emma, die Lokomotive, ordentlich Dampf machen, der in der Kälte zwischen den schwarzen Bergen kondensierte und als Schnee wieder herab fiel. Und dieser Schnee füllte schließlich den Abgrund und gab dem Licht der Lokomotive eine Reflektionsfläche – und jetzt konnten die drei nicht nur sehen, wo sie waren, sie konnten sogar ungefährdet weiter fahren!

Sie müssen sich diesem Abgrund stellen, der sich zwischen Ihrer Kunst und dem von Ihnen gewünschten Erfolg auftut! Immer nur wünschen vergrößert den Abgrund eher, als es hilft, ihn zu überqueren.

Nur Mut 🙂

Comments on this entry are closed.