Aus der Mitte

Es kann ein enormer Reiz in der Erfahrung liegen, sich dem Du zuzuwenden: Aus Eitelkeit und auf der Suche nach Anerkennung, aus falsch verstandenem Altruismus oder vielleicht auch einfach nur, weil es Spaß macht.

Aber die Essenz der Spiritualität liegt im Ausgleich. In der Balance. Im Pendeln um eine Mitte herum. Sind wir nicht alle und immer wieder auf der Suche nach dieser Mitte?

Ich weiß nicht, inwieweit Sie die Szene des Kleinkunst-Handwerks beobachten – falls ja, wird Ihnen in den letzten Jahren eine dramatische Zunahme im Schmuckbereich aufgefallen sein: Halsketten, Ringe, Ohrringe, Beads, Armbändchen, Fußkettchen etc.pp. Unbeschreiblich! Und gleichzeitig fällt auf, wieviele hochtalentierte KünstlerInnen es da gibt! Da komme ich oft aus dem Staunen gar nicht mehr raus!

Und wissen Sie, was bei vielen dieser KünstlerInnen die größte Katastrophe wäre? Wenn viele Leute kauften, denn es würde die Verluste der KünstlerInnen enorm vergößern!

Bei einer wirklich grandiosen KünstlerIn fand ich vor einiger Zeit eine sensationelle Plastik: Mit kleinen Fließen überzogen und intarsierten Swarovski-Kristallen.

„Wow! Fantastisch! Wieviel kostet das?”

„€ 350,–”

„Und wie lange arbeitest du daran?”

„Ungefähr vierzig Stunden”

Rechnen Sie selbst nach was passiert, wenn sie plötzlich fünfzig solcher Bestellungen bekommt …

Die Mitte, die es zu finden gilt, bedeutet mehr Wert auf beiden Seiten der Waage! Einen Preis zu verlangen, der so niedrig ist, dass er in die Katastrophe führt, ist kein Ausgleich zwischen beiden Seiten. Keine Balance. Ein wirklicher Ausgleich führt dazu, dass der Käufer eine Kostbarkeit mit nach Hause nimmt. Eine Kostbarkeit, die Sie zuvor geschaffen haben.

Wenn dieser Ausgleich nicht stattfindet weil der Preis diesen Ausgleich nicht zulässt, wird es dem Käufer umgekehrt schwer fallen, sich an der Liebe, an der Geschichte, die in der Sache steckt zu erfreuen – einfach weil er am Gedanken des Schnäppchens hängen bleibt!

Geld ist nicht gleichbedeutend mit Geldscheinen. Geldscheine sind nur Träger eines Werteversprechens – von Geschichten. Kaufen und Verkaufen ist, genau genommen, der Austausch von (abstrakten) Geschichten – oder wie es James Buchan nannte, der Austausch von Gefrorenen Begierden. Die Scheine selbst sind fast wertlos. Bunt bedrucktes Papier. Das ist ja nicht das, was Menschen begehren. Sie begehren das, was man damit machen kann, was sie in den Geldscheinen verkörpert sehen. Sie begehren die Geschichten, die in ihrer Fantasie vibrieren.

Was Ihr Kunde in Ihrer Kunst sieht und durch den Kauf für sich mit nach Hause zu nehmen sucht, ist genau diese Geschichte, diese Fantasie. Wollen Sie sie ihm beschneiden?

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