Bibbeldibim: Ausschuss Teil 2

„Dein Zweifel nützt dir aber nichts! Stellen wir das mal fest! Wenn du etwas Gutes erkannt hast, d.h. wenn du eine Vorstellung hast, dann nützt einem doch der Zweifel nicht!”

Joseph Beuys
documenta 5, 1972

Als meine Frau von dieser Messe zurückkam, war sie hellauf begeistert.

„Stell‘ dir vor, 75.000 Menschen gehen da durch! 75.000!”

Sie wollte da unbedingt dabei sein. Unbedingt! Meinetwegen mit der allerkleinsten Standgröße – aber dabei sein! Sie wollte das unbedingt ausprobieren …

Also fingen wir an, zu überlegen: Was, wenn die Messe wirklich ein Erfolg würde? Wieviel Zeug müsste man da haben? Du darfst auf keinen Fall am ersten Tag schon ausverkauft sein! Wieviel Teile wirst du also brauchen? Was, wenn die Messe ein Fehlschlag ist?

Wir verständigten uns auf 700 Teile – 700 Teile, die erst noch genäht werden mussten … können Sie sich das vorstellen? Tagelang, abend für abend Nähmaschinengerattere? Sich höher und höher auftürmende Berge verarbeiteten Stoffs?

„Ich hab schon die ersten fünfzig!”

„Wieviele jetzt?”

„Woah: 130!”

„Langsam kann ich es nicht mehr sehen – und ich hab erst 350 – immerhin die Hälfte!”

Irgendwann kam der Tag. Der Tag der Tage. Die Mutter aller Tage!

Und es wurde ein gigantischer Fehlschlag!

Glauben Sie’s oder nicht, ich würde heute noch Geld dafür bezahlen, nur um meiner Frau, dieser unglaublichen Frau, zuzuschauen, wie sie das wegsteckte! Wie sie sich das von der Backe wischte – als wäre alles im Lot! Grandios!

„Jetzt, wo ich schon mal hier bin und Zeit habe, will ich es wenigstens genießen – ich geh‘ shoppen!” Sprachs, und ging shoppen …

700 Teile Ausschuss! Über zweitausend Euro verbrannt – nur Messekosten, versteht sich! Nach allen mir bekannten Maßstäben war das eine grandiose Pleite!

Andererseits: Niemand kann 700 Teile nacheinander wegnähen, ohne enorme Routine zu bekommen, ohne mächtig zuzulegen in Sachen Selbstvertrauen! Und die Messe?

„Ich wollte unbedingt mal auf einer großen Messe einen Stand haben – ich wollte das unbedingt mal erleben – das war das Ziel, nicht der Gewinn. Den hätte ich gerne mitgenommen, stimmt, aber ich habe mir einen Traum erfüllt – das zählt!”

Sie hatte etwas riskiert! Ein kalkuliertes Risiko, um einen Traum zu verwirklichen. Und überlebt trotz finanziellen Fehlschlags! Außerdem: Es war ja nichts Verderbliches produziert worden. Es gibt auch andere Märkte, andere Messen, andere Gelegenheiten – so what?!

Nie im Leben hätte meine Frau 650 Teile genäht, nur um sie bei Dawanda einzustellen. Nie im Leben! Da stellt man immer mal wieder etwas ein … aber da die Teile nun mal schon da waren …

Sie machte sich also dran, alle Teile – alles Einzelstücke! – zu fotografieren. Noch mal ein Mörderaufwand! Aber irgendwann war alles hochgeladen und eingestellt – und begründete eine einzigartige Erfolgsgeschichte!

Es begann erst ganz zögerlich, ganz vereinzelt, bibbeldibim zu machen – unser Synonym für den Klang einer eingehenden SMS, die Dawanda nach einem Verkauf verschickt. Richtung Weihnachten kam da schon öfter mal bibbeldibim – und heute? Heute vergeht kein Tag ohne mindestens ein Bibbeldibim – und die Gewinne, die sich daraus ergeben, reichen für einen luxuriösen 3-Wochenurlaub für die ganze Familie …

Einfach noch mal, um das zu verdeutlichen, worum es geht: Das war nie geplant! Keiner von uns hatte je Dawanda in dieser Größenordnung auf dem Plan! Und ohne dieses Risiko und ohne den Fehlschlag und ohne diese gigantische Produktion von Ausschuss wäre dieser Erfolg auch nie zustande gekommen!

Risikieren Sie ‚was! Nicht zu viel, klar, aber riskieren Sie etwas! Riskieren sie, sich lächerlich zu machen! Riskieren Sie Ausschuss. Aber riskieren Sie ‚was! Produzieren Sie ‚was! Am Ende ist jedes Risko eine Investition in Ihr Selbstvertrauen – eine Investition in die Entwicklung Ihres Herzzentrums, von wo aus alles seinen Anfang nimmt.

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  • Klasse Story von Mut und Lust an der Kunst.
    Mit einer guten Prise Besessenheit macht das ein Feuer, das einen tollen Motor darstellt.

    Herrlich, von was für Seiten später der Applaus kommt und das Klingeln der Kasse. So weit kann man wahrscheinlich vorher gar nicht um die Ecke denken, wie es dann später um die Ecke fetzt.

    Und was macht die Regierung? Sie gründet einen Ausschusss … 😉