Dieser Brief

Eine Klasse 14 Jähriger. Es ist Sommer. Und heiß. Der Zeiger der Uhr schleppt sich von einer Minute zur nächsten. Je länger man ihm auf seiner Runde zuschaut, desto mehr wächst die Gewissheit, dass er gleich stehen bleibt. Die Schüler sind unruhig. Und müde. Und gereizt. Selbst der Klassenkasper ist ideenlos.

„Nehmt bitte alle einen Stift und ein Blatt Papier heraus,” sagt die Lehrerin, „und sucht euch bitte jeder einen Partner. Hat jeder einen Partner? Gut, dann möchte ich, dass jeder seinem Partner einen kleinen Brief schreibt. Nur einen kleinen. Höchstens eine Seite. Jetzt gleich. Bitte schreibt eurem Partner, was ihr an ihm oder ihr toll findet und warum ihr ihn oder sie für wichtig haltet. Ja, jetzt gleich.”

Rumoren und Raunen, ämm, und ähhh, irgendwann sind alle am Schreiben. Und endlich die Übergabe der Briefe – und großes Staunen. Wann bekommt man schon mal einen Brief, in dem steht, dass man toll ist? Und wichtig? Aber jeder erhält einen solchen Brief.

Diese Geschichte stammt aus einem der Chicken Soup for the Soul Bücher und hat mich beim Lesen sehr berührt.

Die Lehrerin in der Geschichte hat eine sehr freundschaftliche Beziehung zu dem Klassenkasper, weshalb sie ihm auch nach der Schulzeit noch verbunden bleibt. Sie erlebt, wie der Junge zum Militär einberufen und nach Vietnam geschickt wird – und dort im Gefecht fällt.

„Sie haben keine Vorstellung, wie sehr unser Sohn an Ihnen hing,” sagt ihr die Mutter, als sie sie vom Tod des Jungen unterrichtet und bittet, zur Beerdigung zu kommen. „Sie machen sich keine Vorstellung davon, wie wichtig für ihn damals dieser Brief gewesen war – dieser Brief …”

Er trug ihn immer bei sich – selbst als er fiel, hatte er ihn in seiner Hosentasche. Zerknittert, mit Rissen, alt und verschmutzt.

Sie weint, als sie an seinem Grab steht, umringt von seinen Klassenkameraden, die sich an ihre Seite gestellt hatten. Alle weinen. Alle hatten ihn so sehr gemocht.

Nach einer Weile, als die Beerdigung zu Ende ist, zieht einer der alten Klassenkameraden einen Zettel aus der Hosentasche. Es ist der Brief. Der Brief.

„Könnt ihr euch noch an diesen Brief erinnern?” fragt er leise und mit brüchiger Stimme. „Ich habe ihn immer bei mir …”

Der nächste zieht seinen Brief ebenfalls aus der Hosentasche.

„Ich auch!”

Alle haben ihren Brief dabei. Jeder zieht ihn aus der Tasche. Sie stehen im Kreis und weinen um einen Freund, der mit ihnen ein Stück Leben geteilt hatte. Um einen, der ihnen wichtig war, und den sie toll fanden. Der sie auch toll gefunden hatte.

Nur eine Geschichte. Vielleicht ein wenig sentimental. Vielleicht erfunden. Und doch …

Sie können Ihre Kunst gerne nur für sich machen. Nur deshalb, weil Sie es gerne tun. Weil Sie dabei dem Alltag entfliehen und in eine andere Welt eintauchen können. Und doch …

Nur mal angenommen – wirklich: nur mal angenommen – diese Geschichte mit dem Brief wäre wahr, ist es nicht bemerkenswert, welche Bedeutung es haben kann, etwas für andere zu machen? Der Brief hat das Leben dieses Jungen nicht verlängern, dafür aber bis zum letzten Atemzug außerordentlich bereichern können.

Das spirituelle Moment der Kunst, Ihrer Kunst, liegt darin, sie für andere entstehen zu lassen – um deren Leben maximal zu bereichern. Selbst dann, wenn der Beschenkte niemals die Verbindung zu Ihnen erkennt.

Arbeit ist gelebte Liebe

Khalil Gibran

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  • „Arbeit ist gelebte Liebe“ Ein sehr schöner Gedanke. Sowas heißt glaube ich heute neudeutsch: Service…
    Da scheint unterwegs irgendwas verloren gegangen zu sein. Keine Ahnung, was…
    Solch bewegende Momente wie in der Geschichte können wieder daran erinnern…