Hermes

Die Nacht war früh gekommen. Schnee fiel in kleinen Flöckchen und verschluckte das Rauschen der Straße – und lange auch die stampfenden Schritte, die rasch näher kamen. Als sie seinen üblen Atem über sich fühlt ist es schon zu spät und als sie sich danach entblöst und missbraucht zusammenrollt, zittert sie am ganzen Leib. Nicht nur der Kälte wegen. Sie war sechzehn und zum ersten Mal in ihrem Leben fühlte sie sich schrecklich allein. Und ab dann auch irgendwie anders. Anders als die Anderen, die Normalen.

Es folgen Abitur und Studium. Ein Diplom in Sozialpädagogik. Als sie es in Händen hält und betrachtet, weiß sie, dass das eine Sackgasse ist. Sie sieht die anderen um sich herum, sieht ihre erhellten Gesichter, von der Zukunft bestrahlt. Nur ihres bleibt blass. Wie verlässt man eine Sackgasse, wenn es doch immer nur vorwärts geht? Immer weiter?

Sie findet Anstellungen in Kindergärten und anderen alternativen Einrichtungen. Arbeitet mit Kindern. Sucht.

Sie trifft einen Mann, schläft mit ihm. Als sie erwacht und in die Morgensonne blinzelt, sieht sie ihn selbstvergessen am Klavier. Er sitzt da, dampfender Kaffee in einer Tasse, und spielt. Als sei er ganz alleine. Es trifft sie wie ein Blitzschlag. Das ist es! Das ist ihre Zukunft. Das will sie leben. So will sie leben. Irgendwie.

Sie kann keine Noten lesen und spielt kein Instrument. Kennt Musik nur aus der Schule. Sie sitzt da, sieht ihren selbstvergessenen Lover am Klavier – und bebt. Ihre Reise hat begonnen.

Sie verlässt ihn. Er war ein Lover, nicht ihr Mann. Er war Hermes. Der Überbringer der Botschaft. Des Rufs.

Sie nimmt Unterricht, kauft ein gebrauchtes Klavier, wird schwanger. Musikerin mit Kind? Er wird sie verlassen. Sie weiß es, auch wenn sie es eine Weile nicht wahrhaben will. Weil es irgendwie zusammen schöner ist. Im Haus. Mit Garten. Mit Musik und Familie. Aber er wird gehen. Und er geht.

Sie versteht, dass sie sich konzentrieren muss. Sie kann schon Unterricht geben. Verdient die ersten Kröten. Hat gelegentlich Hunger – der Kleine geht vor.

Sie verbindet sich mit einer Agentur und erhält erste Aufträge, mit Synthesizer auf Firmenveranstaltungen zu spielen. Oder Hochzeiten.

Sie kennt die Angst vor dem Monatsultimo. Miete, Strom, Telefon, Benzin. Essen für den Kleinen. Sie beißt sich durch. Manchmal ist es schrecklich, so alleine. Manchmal frisst es einen fast auf, wenn Aufträge erst kurz vor dem Monatsende kommen. Manchmal weint sie leise. Dann steht sie auf … und spielt Klavier.

Sie wird nicht alleine bleiben. Nur eine Zeit lang. Sie wird niemals eine große Pianistin werden. Dafür hat sie zu spät angefangen. Dafür hat sie zu viel Energie für anderes verbraucht. Fürs heil werden. Für ihren Traum zu leben.

„Ich will nichts anderes,” sagt sie mir. „Ich will es so. Ich will Klavier und nichts sonst. Was auch immer es mich kostet.”

Keine Kompromisse.

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