Mit einem Flügelschlag

Wenn es stimmt, dass der Flügelschlag eines Schmetterlings, auf der einen Seite der Erdkugel, einen Orkan auf der anderen auslösen kann, was können Sie dann erst mit Ihren Flügeln auslösen?

Wie sehr kann das, was Sie können, das, was Sie machen, was Sie anbieten, was Sie in die Welt bringen, wie sehr kann das die Welt verändern?

Denken Sie an die Mütze, die Sie gerade stricken – ja, die grüne! Jetzt stellen Sie sich diese Mütze fertig vor: Mit einem Bommel dran, einem Etikett mit Preis drauf, auf einem Ständer, ausgestellt auf einem Weihnachtsmarkt. Stellen Sie sich vor, wie eine huzzelige kleine Oma an Ihrem Stand vorbei geht und diese Mütze – ja, Ihre Mütze! – sieht. Stellen Sie sich das kurze Lächeln vor, das über ihr Gesicht huscht. Sie sieht die Mütze auf dem Kopf ihres Enkels … Es wird Ihr Weihnachtsgeschenk werden – für den Enkel, den sie so sehr liebt. Es wird vielleicht das letzte Geschenk werden, das sie in ihrem Leben wird machen können – ihrem Enkel, der ihr altes Leben so sehr bereichert hat.

Stellen Sie sich den Enkel vor – wie er erwachsen geworden ist. Ein junger Mann. Er hat sich vielleicht gerade von seiner Freundin getrennt und steckt fest im Liebeskummer. Er steht am Fenster, den Blick verloren auf vorbeifahrende Autos gerichtet. In düsteren Gedanken, in einer leeren Wohnung. Und allein. Niemand, den er anrufen will. Niemand, mit dem er reden will. Er will jetzt keine Stimmen hören. Er kann jetzt keine Stimmen hören. Er sehnt sich nach Geborgenheit. Nach einer heilen Welt. Danach, sich anzulehnen und zu Hause zu sein.

Seine Oma fällt ihm ein, die Lieder, die sie gesungen hat, wenn er bei ihr zu Hause war. Die Peterle-Suppe, die sie nur für ihn gekocht hat, wenn er sie besuchen kam. Die Linzertorte, die sie an Geburtstagen nur für ihn gebacken hatte – den Duft von Zimt und Pflaumen. Er denkt an seine Oma, weil sein Blick an der grünen Strickmütze mit dem lustigen Bommel dran hängen geblieben war, die seit Jahren auf dem Schank liegt. Beiseite gelegt. Für irgendwann mal. Oder nur, um sie nicht wegzuwerfen.

Er sieht seine Oma, als sie an seinem Bett gesessen, seinen fieberheißen Kopf gestreichelt und gekühlt hatte.

„Hörst du die Kinder?” hatte sie geflüstert, „Hörst du sie? Sie spielen da draußen. Kannst du sie lachen hören? Kannst du sie spielen sehen? Bist du jetzt auch da draußen?”

Stellen Sie sich vor, wie dieser junge Mann diese – ja Ihre! – grüne Strickmütze mit dem lustigen Bommel dran vom Schrank herunter nimmt und sich daran erinnert, wie seine Oma ihn immer wieder ermuntert hatte, über ein geschundenes Knie, den Schmerz einer Beule oder den Verlust eines Spielzeugs hinauszugehen! Er hält die grüne Stickmütze – ja, Ihre! – in der Hand. Sehen Sie das Lächeln, das jetzt über sein Gesicht huscht? Es ist das gleiche, das Sie bei seiner Oma auf dem Weihnachtsmarkt gesehen hatten. Können sie es sehen?

Können Sie sehen, was da gerade durch Ihre Hände entsteht? Sehen Sie es?

Schlagen Sie mit den Flügeln Ihrer Fantasie! Verändern Sie diese Welt.

Nicht weniger als das!

Comments on this entry are closed.

  • Das ist eine wunderschöne Einladung zum visionären Denken, ganz konkret.
    Deine Vision beginnt bei der Puselmütze und ihrer Reise durch die Zeit. Von glücklichen Köpfen hin zu (noch)glückliche(re)n Köpfen..

    Vielen Menschen fehlt wahrscheinlich nicht die Fähigkeit aber das Training im visionären Denken. Das hat so wie ich es verstehe doch ganz viel mit Lebensfreude und Inspiration zu tun. Und die will sich mitteilen. Andere Menschen nennen es vielleicht ‚Sinn‘.
    Ich glaube, dass es die Kunst ist, vom Flügelschlag zum Flügel zu denken und sich und andere drauf zu freuen…. Auch Kunst braucht Übung. Eine so schöne Art des Übens. Was macht da schon ein Stolpern…

    • rk-f

      Ja, das glaube ich auch: Es fehlt nicht an Wissen über die Kraft einer Vision, einer Vorstellung. Aber das Wissen reicht natürlich nicht. Mehr noch glaube ich aber, dass (all) zu viele ihr eigenes Können geringschätzen: „Ich kann stricken, was ist das schon?”

      Tatsächlich bin ich davon überzeugt, dass wir in dieses Leben kommen, um verschwenderisch zu teilen, was wir mitbringen – und das einzige, was uns davon abhalten könnte, sind wiederum Vorstellungen: Nackt und leer gekommen zu sein, nichts zu taugen, nichts zu können oder einfach nur dumm zu sein. Aber das Leben wird durch Teilen doch erst richtig schön …

      Das erinnert mich an meinen Lieblingswitz: Ein Pfarrer ist leidenschaftlicher Golfspieler. Eines Sonntags morgens erwacht er bei strahlend blauem Himmel. Die Sonne lockt ihn nach draußen, es ist warm, aber nicht zu heiß, keine Wolke weit und breit, nur ein leises, laues Lüftchen. Kurz: Ideales Golfwetter. Nur – leider hat er Gottesdienste. Er kann nicht widerstehen! Also ruft er den Kaplan an, meldet sich krank und unpässlich, packt sein Golfzeugs und fährt zu einem weit entfernt gelegenen Golfplatz – weit genug, so dass ihn niemand kennt.

      Oben im Himmel schauen Gott und die Englein zu. Einer der Engel lupft die Augenbraue und sagt zum Herrgott: „Das kannst du ihm aber jetzt nicht durchgehen lassen! Ich finde, das sollte bestraft werden!”

      Und Gott nickt

      Der Pfarrer erreicht den Golfplatz immer noch so früh am morgen, dass er der erste ist, der sich aufs Grün macht. Sein Golfzeug im Caddy legt er sich den Ball zurecht. Ein paar Probeschwünge mit der Hüfte, ein, zweimal den Schläger durch die Luft gezogen, die Füße näher an den Ball, Maß genommen und dann mit Kraft und viel Gefühl abgeschlagen. Der Ball macht sich auf in die Luft, fliegt und fliegt und fliegt, tropft schließlich aufs Grün und rollt direkt ins Loch! Sensationell! A hole in one! Unglaublich!

      Unglaublichliches Staunen auch im Himmel. Der eine Engel japst förmlich nach Luft und als er sich gefasst hat, sagt er zweifelnd: „Ämm … ich dachte eher an bestrafen?”

      Gott nickt milde lächelnd, und entgegnet ohne den Blick von seinem Pfarrer zu nehmen: „Ja! Aber schau: Wem kann er das erzählen?!”

      🙂