Nicht verlieben?

Ich habe mal einen Zigeuner kennengelernt, der nur sehr selten zweimal mit dem gleichen Auto vorfuhr – aber immer Porsche fuhr, oder BMW, Jaguar, Ferrari, Mercedes … you name it! Er war Zigeuner aus Leidenschaft – ein Fahrender im wörtlichen Sinne, denn er fuhr tatsächlich Tag ein Tag aus Deutschland rauf und runter und dann von West nach Ost und wieder zurück. Auf die Frage nach seinem Erfolgsrezept antwortete er: „Jeden Tag ein Geschäft machen – und wenn es nur der Verkauf einer Stecknadel ist!” Er verkaufte alles! Teppiche, Autos, Möbel, Schmuck. Ein Händler eben. Sind Sie ein Händler?

Erst vor kurzem habe ich einen noch recht jungen Händler kennengelernt, der nach einer Pleite gerade wieder auf die Beine kommt. Er vertickt Klamotten. Groß- und Einzelhandel. Ein Bekannter von ihm will auch in die Textilbranche. Also hat er ihm zwei, drei Einkaufsquellen gezeigt, wo man billig Restposten einkaufen kann. Er hat ihm gesagt: „Verlieb dich nicht in deine Ware! Kauf‘ billig ein und dann schnell und billig wieder weg damit!” Aber der Bekannte wollte nicht hören. Er kaufte lauter schöne Sachen, bügelte alle Teile wunderbar auf, besorgte sich einen Raum, stattete den mit Kleiderständer etc. aus – und sitzt seit fast einem Jahr auf der Ware, weil er findet, sie sei zu schön, um sie so billig wegzuhau’n. Händlerschicksal eben. Sind Sie ein Händler?

Händler haben eine ganz bestimmte Mentalität. Sie brauchen eine bestimmte Mentalität, um ihr Geschäft betreiben zu können. Industrielle brauchen eine bestimmte Mentalität. Handwerker auch. Künstler. Gastronomen.

Welche Mentalität haben Sie?

Die meisten Kleinkunst-Handwerke(r) fangen eher zufällig an. Und klein. Eher basteln als kunsthandwerken. Heilpraktiker mieten sich oft irgendwo im hintersten Winkel eine Bude und warten dort darauf, gefunden zu werden, und viele Coaches haben anfangs nicht mal das – aber alle leben auf durch bewundernde Blicke der Freunde oder Familien. Bis irgendwann der erste Umsatz kommt. Der erste Kunde auftaucht, der strahlend das erstandene Werk nach Hause trägt, der erste Patient, der geheilt wieder auflebt, der erste Klient, der mit Tatkraft und frischen Ideen ein neues Leben beginnt. Zurück bleibt ein Mensch in Wandlung – stolz wie Bolle, sicher, aber noch eher irritiert, denn orientiert. Irgendwie Unternehmer – irgendwie. Wie ist ein Unternehmer?

Aber oft gibt es da einen Hauptberuf. Und Lebenshaltungskosten. Und eine Familie. Und Zwänge. Keine Zeit für einen Mentalitätswechsel. Und überhaupt: Wozu soll das denn gut sein?!

Der Punkt ist, dass Kleinkunst-Handwerker schaffen. Erschaffen! Sie nehmen innere Bilder wahr und bringen diese in eine physische Form. Heilpraktiker folgen einem inneren Ruf, einer Berufung, und Coaches einer Philosophie. Das ist nicht kaufen und verkaufen. Das ist viel eher wie empfangen und gebären. Eher eine Saat ausbringen und auf Ernte hoffen. Es ist Business, irgendwie. Aber ab einem bestimmten Punkt braucht es eine bestimmte Mentalität!

Ich weiß nicht, wie oft ich schon Leuten begegnet bin, die sagten: „Na ja, ich muss ja nicht. Ich mach‘ das ja nur nebenher. Wenn ich halt Zeit habe. Und Lust.” Und ich habe Leute gehört, die sagten: „Ich bin Sekretärin bei einem Anwalt und das mache ich, weil ich mir so meine Praxis leisten kann – jedenfalls so lange, bis sie läuft.”

Und ich habe eine Frau sagen hören: „Ich habe verstanden, dass ich nur deshalb zum Anwalt arbeiten gehe, weil ich davon überzeugt bin, von meiner Praxis nicht leben zu können – mir mein Leben nicht leisten zu können – und diesen Glauben habe ich heute hinter mir gelassen!”

Ich weiß nicht, ob das wirklich immer die beste Lösung ist. Andererseits weiß ich, um einen Schritt weiter zu kommen, muss man eine Entscheidung treffen. Und diese Entscheidung muss nicht heißen, den Hauptberuf aufzugeben, aber sie muss dahin führen, die eigene Kunst voranzutreiben und Ernst zu nehmen. Ernst zu machen! Die Entscheidung muss vor allem dahin führen, an sich selbst zu glauben – und an die Kraft, die einem dann zuströmt, wenn man diese Entscheidung getroffen hat – wenn man die Mentalität angenommen hat.

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