Vorstadtbühne

Wenn man heute über einen Kunsthanderwerker-Markt geht, stellt man sehr wahrscheinlich fest, alles was sich dort kaufen lässt ist wesentlich besser geworden als es vor sagen wir zehn oder fünfzehn Jahren war. Die Qualität der Verarbeitung, die Kunstfertigkeit, die Aufmerksamkeit, die Verspieltheit hat in den meisten Fällen das was einmal basteln war weit hinter sich gelassen und nähert sich mehr und mehr der Kunst. Sogar die ersten Geschichtenerzähler tauchen auf! Das macht richtig Spaß!

„Arbeit ist Theater und jedes Business eine Bühne.”

Pine/Gilmore
The Experience Economy

Stellen Sie sich einfach mal in einigem Abstand vor einen solchen Kunsthandwerker-Stand und lassen alles auf sich wirken – alles, was sie sehen wurde absichtlich platziert. Genau da, wo es ist. Wer auch immer diesen Stand aufgebaut und seine Ideen ausgebreitet hat, hatte eine Absicht … folgte einer Idee und erzählte somit (s)eine Geschichte. Bewusst oder unbewusst baute er eine Bühne. Bewusst oder unbewusst – genau das macht den Unterschied.

Standbetreiber sind Bühnenbildner – die Frage lautet: Wer ist der Regisseur? Der Ideengeber?

Wahrscheinlich braucht es eine Weile, bis man genug Mumm hat, zu sich selbst zu stehen. Kompromisslos. Und bis dahin wird irgend eine diffuse Idee den Regisseur geben, wie man sein Zeug am besten verkauft. Bis dahin heißt das Stück, das am Stand gegeben wird: „Guckt mal, was ich kann! Toll, oder? Wollt ihr kaufen? Kostet heute nur …”

Aber wenn Leute Geschichten erzählen – ja! Geschichten! – bleibt man unvermittelt stehen und staunt. Man kann gar nicht anders! Man dreht sich zur Bühne und lässt sich (nur zu gern) gefangen nehmen.

Und so wie es kleine Vorstadtbühnen gibt, gibt es auch kleine Geschichten – wie diese hier, die ich am Samstag gesehen habe: Kleiner Stand (= kleine Vorstadtbühne), bescheidener Aufbau auf dem Tisch (= kleines Budget), flackernde Kerzen in Gläsern (= dramatische Eröffnung) und eine freundlich lächelnde ältere Dame hinter dem Tisch (= auf der Bühne). Ohne ein Wort zu sagen, ließ sie ihre Inszenierung diese Geschichte erzählen:

„Die Tage werden kürzer und es wird kälter! Erinnert ihr euch noch an letzten Winter? Wie es ist, nach einem langen Tag müde und halb tot nach Hause zu kommen? Aber zu Hause ist Daheim! Das ist der Ort, an dem ihr wieder zu euch kommt! Ihr solltet es euch schön machen, mit sanftem Licht und dezentem Duft. Nach Bratapfel vielleicht? Oder Zimt und Nelken? Ihr solltet zur Ruhe kommen – am besten mit einem Teelicht!

Ich hab euch hier schon mal ein paar angezündet, damit ihr sehen könnt, wie das aussieht. Duftkerzen sind auch schon drin – könnt ihr das riechen? Alles was ihr braucht ist ein altes Glas und eine schöne, dezente Serviette. Am besten in warmen Erdtönen. Ich hab euch schon mal ein paar ausgesucht. Einfach nur aufkleben – fertig. Seht ihr, wie das flackert? Fühlt ihr, wie das eure Sinne beruhigt? Oder wollt ihr lieber fertige Teelichte mitnehmen?”

Arbeit ist Theater! Arbeit ist Kunst! Wollen Sie die verramschen? Vielleicht sogar noch mit Messerabatt?

Und was ist Ihre Kunst? Wenn Business Ihre Kunst wäre, würden Sie hier nicht lesen, also lassen Sie Ihre Vorstellungen darüber fallen, wie man Geschäfte macht! Lassen Sie sich stattdessen auf sich selbst ein! Auf Ihre Kunst! Auf Ihre Geschichte! Erzählen Sie Ihre Geschichte! Alles, was Sie dazu brauchen, finden Sie in sich! Nur Mut! Da gibt es nichts, was zu bescheiden wäre!

Morgen mehr 🙂

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  • ein sehr schönes Zitat, ich finde es sehr ermutigend:

    „…Arbeit ist Theater und jedes Business eine Bühne.”

    Sind wir zu nah dran, dass wir das vergessen haben? Oder haben wir zu wenig Abstand zu unserem (jedwedem) Tun? 😉

    Anscheinend müssen wir mal ab und zu aus der benebelnden Routine geweckt werden.
    Und was eignet sich da am besten?

    • rk-f

      Sind wir zu nah dran, dass wir das vergessen haben? Oder haben wir zu wenig Abstand zu unserem (jedwedem) Tun?

      Hmmm … vielleicht haben wir nicht zu wenig sondern zuviel Abstand – ich glaube, kulturell sind wir noch tief in der Mitte des letzten Jahrhunderts gefangen: Wir gehen arbeiten i.S.v. Geld verdienen – und in unserer Sprachgeschichte ist dienen tief verwoben mit der Idee des Buckelns, des Lakaien-Seins, des bei Herrschaften angestellt und abhängig Seins. Bezeichnend in diesem Zusammenhang – und niederschmetternd zugleich – finde ich den Begriff des abhängig Beschäftigten. Gut, dass wir in diesem Falle den Begriff Service haben – ein Anglizismus, ja, aber in diesem Falle ein mindestens nützlicher 🙂

      Und da die überwältigende Mehrheit beispielsweise der Kunsthandwerker nebenberuflich werk(el)t, ist Shakespeare noch nicht wirklich im Bewusstsein angekommen, dass das ganze Leben – also auch das eigene – eine Bühne ist …

      Schließlich noch ein Gedanke: Sich selbst darzustellen, außerhalb einer als Theaterbühne anerkannten Kontextes, gilt unter Deutschen immer noch als anrüchig. Ein „Könnt ihr mal kurz stehen bleiben? Ich möchte euch was vorführen” erlauben wir außerhalb des Theatergebäudes Kindern, aber doch nicht uns selbst :-/ … es sei denn, wir sind in einer Therapie. Wenigstens in dieser Hinsicht ist uns die amerikanische, oft auch südländische Mentalität um Lichtjahre voraus …