Blauer Teppich und anderes

Ich war lange mit einer älteren Dame befreundet, die leider vor ein paar Jahren verstarb – und um eine ihrer besten Eigenschaften gleich vorweg zu nennen: Nie ist mir jemand begegnet, der besser zuhören konnte!

Ich weiß gar nicht, ob ich das richtig beschreiben kann: erzählte man ihr von einer Idee, oder sagte man ihr, was man vor hatte, hatte man rasch das Gefühl, das, was man dachte, neu zu sehen (ich sage hier bewusst man, denn ich weiß von anderen, die ähnliche Erfahrungen mit ihr machten).

Es war, als ob man während des eigenen Sprechens in sie hinein fiel – in einen Raum, in dem die eigenen Gedanken als Artefakte erschienen, die man jetzt und für den Augenblick durchaus völlig neu erblickte und (immer wieder auch ganz anders als vorher) verstand!

Wobei sie nur selten nachfragte!

Ja, sie versuchte noch nicht mal, zu verstehen! Sie ließ den Augenblick einfach sein, wie er war – und den, der erzählte, ließ sie die Erfahrung machen, die er machen wollte oder für die er eben offen war! Und doch war sie hoch konzentriert und ganz bei der Sache! So sehr, dass sie nach einem Gespräch oft völlig erschöpft war und ein Schläfchen machte.

Wann immer ich im Zweifel über eine Idee war, rief ich sie an …

Schnörkelbild

Ein Freund, mit dem ich zusammen aufwuchs, wurde Musiker, Mathematiker und schließlich Professor, der an einer Hochschule künstliche Intelligenz erforscht. Ein exzellenter Zuhörer! Und in gewisser Weise auch ein gnadenloser!

Ganz der Musiker hörte er sich einen Vortrag erst mal ganz an – meistens völlig ohne Vorurteile; ganz der Mathematiker zerlegte er ihn dann in seine Einzelteile – Idee für Idee – und verlangte überzeugende Zusammenhänge, Herleitungen und Widerspruchsfreiheit; ganz der Hochschullehrer bewertete er den Vortrag schließlich – vor allem, wenn sich Lücken in der Argumentation gezeigt hatten.

Gespräche mit ihm lehrten mich, dass Argumentation anstrengend sein kann – vor allem, wenn sie wenigstens annähernd konsistent sein soll. Und Geschichten, die nicht wirklich in sich schlüssig sind, sind keine guten Geschichten.

Aber Gespräche mit ihm lehrten mich auch, Widerspruch und starke Gegenrede auszuhalten! Zu erlauben, dass jemand etwas offensichtlich Gleiches anders sieht und dabei noch eine überzeugende Argumentation haben kann!

Schnörkelbild

Vor Jahren schlich ich vor dem Schaufenster eines Teppichhändlers hin und her. Drinnen lagen China-Teppiche übereinander gestapelt und ganz oben auf lag einer in unfassbar schönem Dunkelblau, ganz schlicht und gleichzeitig nobel, und – als einzigem Muster – mit goldenen Rändern. In genau der Größe unseres Esszimmers.

Meine Augen waren ungefähr genau so groß wie der Teppich …

Ich ging hinein, um ihn anzufassen, um ihn zu erleben, um mich von ihm verrückt machen zu lassen – was er auch tat 🙂

Der Händler, ein alter, freundlicher Jude, Geschäftsmann durch und durch, gut bekannt in unserer Stadt, stellte sich an meine Seite:

„Na, sieht aus als wirde ärr gefallen,” sagte er mit wunderbarem Akzent, herrlich gerolltem R und grinste breit. „Is a wunderbares Schdick! Greifen se doch mal hier rein! Schwäre Qualitäjt!”

Schwer vor allem für meinen Geldbeutel …

„Ge’m se ma Ihrä Fisittenkarrte (dieses wunderbar gerollte R höre ich jetzt noch in Gedanken), nämm’sen mit und ich wärd kommen, sa’ng war in zwei Wochen? Wird er gefallen, ge’mse mir das Geld, wird er nicht gefallen, nem‘ ich ihn wieder mit. Na was sa’ng se?”

Natürlich nahm ich ihn mit!

Zwei Wochen später kam er zum Abendessen. Wir unterhielten uns erst über den Teppichhandel, danach über meine beruflichen Zukunftspläne, die er sich in allen Einzelheiten erzählen ließ, während er sehr aufmerksam zuhörte. Dann kam eine Pause, während der er mir fest in die Augen sah:

„Na, was gut an Ihrärr Idäj ist, wissen se selbärr – da muss ich wohl nix sagen. Aber ich wärrd Ihnen sagen, was vielleicht nicht so gut ist …”

  und dann zählte er die Schwächen auf! 🙂

Aber er begründete nicht nur seine Meinung, sondern zeigte Alternativen. Er konnte das so rüberbringen, dass man sich absolut angenommen und verstanden fühlte – und so wurde aus einer Kritik eine Bereicherung.

Den Teppich konnte ich mir aber trotzdem nicht leisten, so nahm er ihn also wieder mit …

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  • Wunderrbaräh Gäschiechtähn.
    Jäde spriecht fier siech. Und wier kriegän kainä Mohral aufgädrieckt…