Schuldzuweisung

Dieser Tage führte ich ein längeres Telefonat mit einem guten und langjährigen Freund. Wir kennen uns fast schon ein ganzes Leben und haben die gegenseitigen Höhen und Tiefen, wenn auch nicht immer hautnah, dann doch aus der Ferne erlebt.

Nun ist dieser Freund seit einigen Jahren(!) in einen Rechtsstreit verwickelt, der ab und an groteske Züge annimmt. Gelinde gesagt. Interessant für mich, nein: außerordentlich interessant für mich ist seine gegenwärtige und tatsächlich völlig neue Betrachtungsweise dieses Rechtsstreits:

„Ich gehe einfach davon aus, dass das was Karmisches ist,” sagte er mir am Telefon, „es hat ganz offensichtlich mit mir zu tun, das ich erst mal nicht verstehe und vielleicht auch nicht verstehen muss. Es ist etwas, auf das ich mich – ob ich will oder nicht – einlassen muss.”

Nun weiß ich nicht, ob er tatsächlich an Karma glaubt – ich bin da eher skeptisch – aber das spielt auch überhaupt keine Rolle. Was er damit meinte, zumindest habe ich es so aufgefasst, ist, dass er keinen Sinn mehr darin findet, irgend jemandem in dieser Sache Schuld zuzuweisen. Man könnte sagen, er hat losgelassen und beobachtet die weitere Entwicklung aus einer gewissen Distanz.

Etwas aus einer (kritischen) Distanz zu beobachten bedeutet ja nicht, passiv zu sein, oder gar das Opferlamm zu geben, aber es befreit einen von der Notwendigkeit, entweder Recht haben und/oder (deshalb) verlieren zu müssen. Stattdessen öffnet es den eigenen Geist für Überraschungen und Wendungen, für völlig neue Einsichten und dadurch vielleicht auch Möglichkeiten.

Gerade für Neueinsteiger ins Geschäftsleben ist die Entwicklung einer kritischen Distanz von beinahe alles überragender Wichtigkeit! Nichts, was geschieht, ist nur gut oder nur schlecht. Was immer kommt, kommt im Doppelpack von Licht und Schatten und es nutzt wenig, je nach Gusto die eine oder die andere Seite auszublenden.

Licht und Schatten liefern (Ausgangs-)Bedingungen, die notwendige (und hilfreiche!) Pfeiler in einer hochkomplexen und extrem dynamischen Welt bilden.

Freiheit und Unabhängigkeit haben gar nichts mit der Abwesenheit von Bedingungen zu tun. Im Gegenteil schaffen erst Bedingungen die Möglichkeiten für einen Durchbruch in eine größere Freiheit und in eine umfassendere Unabhängigkeit.

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