Nackt und wehrlos

Hatten Sie das auch schon mal, im Traum zu schweben?

Vor ein paar Jahren glitt ich einmal langsam durch die Luft, vielleicht einen halben Meter über dem Boden schwebend, getrieben nur von einem unfühlbaren, sanften Wind. Ein herrliches Gefühl. Bis ich bemerkte, dass ich vollkommen nackt war. Und draußen. Für jeden sichtbar – falls jemand vorbei käme.

Und kaum, dass ich diesen Gedanken hatte, kam auch schon der erste Spaziergänger, der mich aber – glücklicherweise – nicht zu sehen schien. Oder ignorierte. Ein sehr unangenehmes Gefühl. Und noch im selben Moment bemerkte ich, wie ich mich einer Stadt näherte … mit vielen Menschen! Und je unangenehmer sich das anfühlte, desto mehr Menschen kamen – bis ich schließlich vollkommen nackig in einen Laden schwebte, zum bersten voll mit Menschen. Und mir blieb gar nichts anderes übrig, als loszulassen und hinzunehmen, was ich sowieso nicht ändern konnte – und noch im selben Moment schwebte ich aus dem Laden und der Stadt hinaus, wieder in eine menschenleere Gegend.

Interessanterweise hat während des ganzen Traumes weder jemand mich, noch meine Nacktheit bemerkt. Niemand. Wozu dann die Scham?

Brené Brown bringt Scham in einen Zusammenhang mit unserer Kultur des Mangels: Nicht gut genug, nicht wirklich relevant zu sein, nicht entsprechend … was auch immer zu sein. Und so beginnen wir schon am frühen Morgen damit, uns eine Rüstung anzulegen, um defensiv durch den Tag zu gehen und nicht in aller Öffentlichkeit der Lächerlichkeit preisgegeben zu sein.

Defensiv meint: Was bedroht uns? Und: wessen Schuld könnte das sein? Denn wir wir wissen, was bedrohlich ist, können wir uns davor schützen, und wenn wir wissen, wessen Schuld das ist, gibt es uns zumindest im Ansatz ein Gefühl, alles unter Kontrolle zu haben, denn Schuldzuweisung zieht den Stecker, der dem Schmerz Energie zuführt.

Bedauerlicherweise nimmt uns aber Schuldzuweisung die Möglichkeit, Mitgefühl zu entwickeln, denn Mitgefühl fragt nicht nach Schuld – interessiert sich nicht für Schuld. Es fragt nach dem Herzen des anderen, zu dem es eine Verbindung herstellt – ohne wenn und aber.

Unsere Fähgkeit, etwas von ganzem Herzen zu sein, kann nie größer sein, als unsere Bereitschaft, das Scheitern dabei in Kauf zu nehmen.

Brené Brown

Ich kann verstehen, wenn man noch ein bisschen Zeit braucht, ehe man sich zeigt. Ehe man nach draußen geht, um für etwas zu stehen. Um einen Versuch zu machen, das Leben größer zu machen. Freier.

Aber egal, wie lange Sie warten, egal wie groß Ihre Furcht ist, verlacht zu werden, oder angefeindet: Auf dem Tisch zu stehen und zu Ihrem eigenen Herzen laut zu sagen: „Oh, Captain, mein Captain!” ist das bessere Leben! Denn wenn es Ihnen gelungen ist, mit dem, was Sie sind und dem was Sie können eine Verbindung zu einem (oder vielen) anderen Herzen hergestellt, und deren Leben bereichert zu haben, und wenn auch nur für einen Moment, dann wiegt das jede Schmähung auf. Jede!

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