Time out

Als ich die Tür geöffnet hatte, standen drei kleine, ältere Damen vor mir. Allesamt zaghaft lächelnd. Drei Zeugen Jehovas. Irgendwie wie die drei heiligen Königinnen 😉

Ob ich Interesse an einem Gespräch über Gott hätte.

„Aber ja!,” sagte ich – und löste blankes Entsetzen aus.

Offensichtlich hatten sie anderes erwartet, aber nachdem sie sich gefangen hatten schlugen sie vor, mich anrufen und einen Termin vereinbaren zu lassen. Ob ich ihnen zu gefährlich war? 🙂

Zwei Wochen später saßen ein junger Mann und seine ebenso junge Frau an meinem Wohnzimmertisch bei Kaffee und Keksen.

„Wollen wir zuerst die Spielregeln vereinbaren?” fragte ich.

Beide schauten verdutzt: „Spielregeln?”

„Ja – Spielregeln. Schau’n Sie, ich bin sicher, sie kennen jeden Buchstaben in der Bibel. Da kann ich nicht mithalten und offengestanden bin ich an keinem Gespräch über die Bibel interessiert. Deshalb schlage ich vor, wir lassen alles, was die Bibel betrifft so gut es eben geht außen vor und tun das, wozu wir uns verabredet haben: Wir sprechen über Gott … was Sie denken, was ich denke – ganz zwanglos. Einverstanden?”

Wir verbrachten angeregte, inspirierende, erstaunliche zwei Stunden miteinander. Zwei Stunden, die ich nicht mehr hergeben wollte. Und wir gingen auseinander, trafen uns nie wieder, und doch denke ich immer wieder gerne an dieses Gespräch zurück. Wäre schön, wenn es diese beiden auch so hielten. 🙂

Das liegt schon sicher 25 Jahre zurück – und eingefallen ist mir dieses Erlebnis, als ich heute mittag Elizabeth Lessers Ted-Talk gehört habe.

Schon seit einiger Zeit frage ich mich, ob Facebook, G+, Xing, LinkedIn, Pinterest … ob alles das wirklich auch nur in der Nähe eines wirklichen Gespräches sein kann – obwohl es einem das Gefühl vermitteln kann, es sei so. Nein, nein, nicht, dass ich das kritisieren möchte – jeder so wie es ihm gefällt. Und alles das hat sicher seine Vorteile. Aber, um ganz ehrlich zu sein, dafür habe ich eigentlich kaum noch Zeit – für FB & Co. … oder besser: dafür nehme ich mir kaum noch Zeit. Einfach, weil ich wirkliche Gespräche immer mehr vermisst habe.

Nun lässt sich die Zeit sicher nicht zurück drehen – und wer wollte das schon. Und doch – es gefällt mir, dass meine Tante bemeckert, zu Weihnachten und am Geburtstag Fluten von emails zu bekommen, aber praktisch keine Karten mehr, sie es aber lieber umgekehrt hätte. Und ist es nicht so, dass ein handgeschriebener Brief, den man aus dem Briefkasten fischt, immer noch etwas Besonderes ist? Heute mehr denn je?

Aus einem kurzen Chat kann ich durchaus interessante und anregende Gedanken holen, keine Frage, wirklich magische Momente erlebe ich aber nur während echter Gespräche: Wirkliche Menschen, wirkliche Stimmen – und warum sollte ich weniger wollen?

So gesehen ist es zum einen immer mal wieder Zeit für ein Time out, für ein Ausbrechen aus einer sich still und leise ergebenden Beiläufigkeit und zum anderen für ein Time out – für eine Zeit draußen – ganz so, wie es Elizabeth Lesser vorschlägt: mit einem Andersdenkenden.

Comments on this entry are closed.