Was siehst du?

Es dauerte eine Weile, bis sich Theresas Blick klärte. Die Sonne stand schon tief und doch blitzten und glitzerten ihre Strahlen wie tanzende Funken über die Oberfläche des kleinen Sees. War sie eingeschlafen gewesen?

Sie hatte sie gar nicht kommen hören. War so tief in ihren Gedanken versunken gewesen, dass sie nicht mal merkte, dass sich jemand zu ihr auf die Parkbank gesetzt hatte!

Ein sonderbarer Duft hatte sie in diese Gegenwart geholt, ein Geruch. Nicht unangenehm, nein, gar nicht, aber doch fremd. Ein Geruch, der einen Unterschied machte, einen, den man hier und jetzt nicht erwarten würde, an einem Spätnachmittag hier am Teich. Man würde das leicht schlammige Wasser riechen, und das Gras. Manchmal auch ein bisschen Blumenduft, den ein kühler Wind nach Süden verteilte. Die Enten, die über das Wasser trieben und nach Brot schnappten, das Spaziergänger ihnen zugeworfen hatten, hatten auch einen ganz typischen Geruch. Alles das nahm man eigentlich gar nicht wahr – weil man es erwartete – und wenn man diese Düfte doch wahrnahm, war man nicht überrascht. Es gehörte eben hier her. Aber der Geruch der Fremden? Er war interessant – und doch fremd. Sie konnte nicht herausfinden, woran sie dieser Geruch erinnerte! In jedem Fall fesselte sie dieser … Duft.

„Wissen Sie,” sagte die Fremde mit einer leicht kratzigen Stimme und ohne Theresa anzuschauen, „was Menschen am meisten suchen ist Führung, und weil sie die oft nicht haben, klammern sie sich an das, was ihnen Sicherheit zu geben scheint. Es heißt, die Menschen seien auf der Suche, aber manchmal habe ich den Eindruck, sie sind eher auf der Flucht.”

Sie schwiegen beide.

Theresas Blick verirrte sich an die Trauerweide, deren Äste und Blätter sich wie ein sanfter, lautlos grüner Wasserfall in den Teich ergossen und ihn an der Eintrittsstelle kräuseln ließen.

„Was sehen Sie?” fragte die Fremde.

Die Frage war Theresa unangehm. Ihr war nicht nach reden.

„Nichts,” sagte sie daher nach einer kurzen Weile. „Ich sehe eigentlich gar nicht hin – ich denke nach.”

„Sehen Sie die Trauerweide?” fuhr die Fremde ruhig fort, als habe Theresa gar nichts gesagt, „Sie gehören für mich zu den interessantesten Botschaftern dieser Erde! Man sieht sie immer wieder mal in Ufernähe. Sie sind Gedanken des Wassers, die sich aufmachen, in die Welt zu gehen. Ihre Haut färbt sich in dem Augenblick grün und wird blättrig, wenn sie sich vom Wasser lösen und der Sonne preisgeben, aber man kann ihre Bewegung des Aufstrebens sehr gut sehen, finden Sie nicht? Ich kann mich daran kaum satt sehen! Bäume bewegen sich allerdings so außerordentlich langsam, weshalb Menschen das nur selten sehen. Was sehen Sie?”

Theresas Stirn wurde kraus. Gedanken des Wassers? Die sich aus dem Wasser lösen? Sie schaute die Fremde an, deren hellblaue Augen sich noch im selben Moment selbst zu einem Teich weiteten, in den Theresa augenblicklich eintauchte. Und noch bevor sie irgend etwas irgendwie Sinnvolles denken konnte, hörte sie sich selbst sagen:

„Nein. Nein, ich sehe … das freundliche Gesicht der Trauerweide. Sie scheint eine alte Frau zu sein, aber eine, die noch nie etwas anderes getan hat, als zu lächeln.”

Theresa machte eine kurze Pause – als würde sie noch genauer hinschauen und noch mehr Details sehen.

„Sie zupft sich ein Blatt aus – ja, ich kann es sehr deutlich sehen. Jetzt hat sie es losgelassen und pustet es in die Luft. Ja – sehen Sie es? Sehen sie es? ”

Theresa war ganz aufgeregt. Sie beobachtete das Blatt, wie es sich immer schneller um sich selbst drehte bis es schließlich die Oberfläche des Teiches erreichte. Dort schmiegte es sich auf das Wasser und hob die Blattränder an, als wolle es sich zu einem Boot formen.

Ein Windzug streifte über den kleinen See, aber Theresa sah ganz deutlich, dass es kein Windhauch war, der von irgendwoher kam. Nein! Es war die alte Frau Trauerweide, die dem kleinen Blatt ein wenig Vortrieb aufhauchte, so dass es sich über den Teich in Richtung Theresa aufmachte.

„Sag mir, was du siehst,” flüsterte die Stimme der Fremden in Theresas Ohr, deren Herz vibrierte wie niemals zuvor. Sie fühlte, als wolle ihr Herz vor Glück zerspringen.

Ein paar Minuten später beugte sich Theresa behutsam nach vorn, um das kleine Blatt aufzunehmen, das langsam und lautlos zu ihr getrieben gekommen war.

„Es rollt sich zusammen!” sagte Theresa staunend. „Es rollt sich zusammen!”

Sie schaute staunend auf ihre Hand, auf der zu einer kleinen Kugel zusammengerollt das kleine Blatt der Trauerweide lag.

„Öffne dein Herz!” sagte die Fremde, aber es klang eher nach Musik als nach Worten. Es klang wie ein Lied, das in sie eindrang und ihr ein Gefühl der Leichtigkeit gab, der Gewissheit, alles ist gut, ein Gefühl, das ihr Herz tanzen ließ.

Und so wie sie sich öffnete, öffnete sich ihr Herz – und schließlich auch das kleine Blatt auf ihrer Hand, dessen Grün erst verblasste, dann tausendfach zerbröselte, wie Kugeln von ihrer Handfläche rollten und sich vor Theresas Augen in tausende ganz winzige goldene Schmetterlinge verwandelten. Die Schmetterlinge formten sich zu einem Schwarm, der erst aufstieg, dann ein paar Probeflüge startete und schließlich davon flog.

Theresa schaute staunend hinterher.

„Menschen suchen nach Führung,” hörte sie die Fremde sagen, „und da sie die oft nicht haben, suchen sie nach etwas, das ihnen Sicherheit zu geben scheint – und finden sie in Konformität. Sie suchen nach dem, was alle anderen auch sehen, statt nach dem, was nur sie sehen können. Aber während Teilen die einzige Möglichkeit ist, die Liebe in uns wachsen zu lassen, lässt sich nun mal nur teilen, was nicht alle anderen schon haben.”

Theresa schloss ihre Augen. Alles um sie herum begann sich, zu drehen. Und während ihr die Sinne langsam schwanden, hörte sie die Stimme der Fremden, die immer leiser werdend in die Ferne verwehte.

„Führung findest du nur in deinem Herzen – nirgendwo sonst. Und da, und nur da, kannst du sehen, was nur du siehst. Der Schlüssel zu diesem Geheimnis liegt darin, dich und dein Selbst anzunehmen. Voll und ganz. Sag ja zu dir selbst. Sag schön, dass es mich gibt denn gäbe es dich nicht, wie käme das in die Welt, was nur du sehen und nur du teilen kannst?”

Schweiß schoß ihr aus allen Poren. Ein helles Pfeifen schrillte durch Mark und Bein. Und noch ehe alles in sich zusammenstürzte, hörte sie die Stimme der Fremden von ganz weit her:

„Achte auf goldene Schmetterlinge – sie zeigen dir den Weg …”

„Sind Sie in Ordnung,” hört Sie eine Stimme hinter sich. Theresa kehrt in die Gegenwart zurück, in der Sie am Fenster steht und gedankenverloren auf den Park schaut.

„Ja!” sagt Theresa und dreht sich um. „Alles in Ordnung – ich hatte mich nur an etwas erinnert, was schon lange zurück liegt. Immer wenn ich diesen Park sehe …”

Sie lächelt in die Gesichter fünf schwangerer Frauen, die allesamt vor Ihrem Partner am Boden hocken und sich an sie lehnen.

„Ich könnte euch jetzt etwas über meine Schwangerschaft erzählen,” beginnt sie ruhig, „ich könnte euch etwas über tausend goldene Schmetterlinge erzählen und über tausend andere Dinge, die irgendwie auch noch wichtig sein könnten. Ich könnte euch etwas über Wehen und Geburten erzählen – über Atemtechniken oder Gebärpositionen …”

Sie macht eine kurze Pause. Sie lächelt immer noch – weil sie glücklich ist. Glücklicher, als sie es sich je hätte vorstellen können. Aber das ist eine andere Geschichte, die jetzt nicht hier her gehört.

„Die meisten Geburten verlaufen viel komplizierter, als sie müssten – einfach weil die Frauen Angst haben. Und wenn Frauen, wenn Menschen überhaupt Angst haben, sehnen sie sich nach Führung – nach etwas, das sie an der Hand nimmt und nach dorthin führt, wo wieder alles gut ist. Aber es gibt nur einen Ort, an dem man das finden kann – und ich glaube, es ist gut, diesen Ort zu finden, ehe man in die Geburt geht.”

Sie macht eine kurze Pause.

„Wollen wir?”

Theresa schaut in die Runde, lässt ihren Blick von Augenpaar zu Augenpaar wandern. Von Elternpaar zu Elternpaar – bis die leise Stimme der Fremden, sanft wie das Flattern eines Schmetterlings, sie fragt:

„Was siehst du?”

Und sie denkt: „Ich sehe Freude und Anspannung; hier ein wenig Angst, aber auch Hoffnung; hier sehe ich so große Freude – und da ganz viel Liebe und Zuversicht – oh, hier sehe ich Sorgen und bohrende Fragen – und doch sehe ich überall goldene Schmetterlinge.”

Sie lächelt milde.

„Und was denkst du jetzt?” fragt die Stimme der Fremden von irgendwo her.

Mit einem Mal sieht sie die Eltern mit ihren Babys im Arm – und die Blicke, die sich auf die kleinen Kerle heften. Sie sieht das Glück, dass sich wie Wasserfälle in die Ewigkeit ergießt.

Theresa wischt sich eine Träne des Glücks aus dem Augenwinkel und denkt:

„Was für ein Beruf! Schön, dass es mich gibt!”

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