Das Karusell des Lebens

Als meine Mutter in der Nacht aufwachte, um zur Toilette zu gehen, traf sie der Schlag. Da sie alleine lebte, war niemand da, der ihr helfen konnte. Also lag sie am Boden, nur mit Nachthemd bekleidet und hatte das Gefühl, alles sei in Ordnung – wie so viele Schlaganfallspatienten. Es dauert eine ganz Weile, bis sie realisieren, was geschehen ist. Und bis dahin sind sie erst einmal unglaublich müde.

Am nächsten Morgen rief mich eine Nachbarin an, um mir zu sagen, dass da ‘was nicht stimme, denn meine Mutter reagiere nicht aufs Klingeln und der Schlüssel stecke von innen im Schloss.

Ich fand sie im Flur liegend, kalt wie ein Stein, aber am Leben und irgendwie fröhlich plaudernd. Als ich versuchte, Sie auf die Beine zu stellen, wurde klar, dass sie nicht stehen konnte.

Der Notarzt versorgte sie fast eine Stunde lang vor Ort, ehe sie ins Krankenhaus gebracht wurde. Nach und nach wurde der Schaden deutlicher. Sie konnte nur noch den rechten Arm bewegen, der aber von einer Kinderlähmung her ohnehin nur eingeschränkt nutzbar war. Ansonsten konnte sie mit ihrem Körper nicht mehr viel anfangen.

Sprechen konnte sie klar und deutlich – aber sie konnte nicht sagen, was sie sagen wollte. Jedenfalls nicht gleich. Wenn es denn überhaupt gelang, was nicht immer klappte, dauerte es manchmal 3 Tage, ehe der Satz so aus ihr heraus kam, dass man verstehen konnte, was sie wollte.

Kurz: Ihr Leben war im Eimer!

Alles, was ihr geblieben war, war das Bett und jemand, der ihr zu Essen und zu trinken gab, und sie sauber machte. Punkt.

Aber etwas Seltsames geschah – und es dauerte eine Weile, bis sie es mir erzählen konnte.

Jeden Abend kamen drei Männer in ihr Zimmer, blieben am Fußende ihres Bettes stehen, sagten nichts sondern standen nur da und schauten sie an.

Sie erzählte mir das jeden Tag wieder: „Jeden Abend stehen sie da und schauen mich freundlich an. Sonst nix.”

Nachdem wir meine Mutter aus dem Krankhaus wieder nach Hause geholt hatten, stellten wir eine polnische Helferin ein, die bei ihr und mit ihr in der Wohnung untergebracht war und sie versorgte – und die versicherte mir, dass meine Mutter nie Besuch bekam. Es war also eine Vision, die meine Mutter hatte.

Eines abends, so erzählte mir meine Mutter später, sei einer der Männer vom Fußende des Bettes näher an sie herangekommen und habe sie gefragt, ob sie nicht mit ihnen mitkommen wolle – was sie entsetzt abgelehnt hatte.

Zu zweit geht vieles einfacher!

Mein erster Gedanke war damals – und ist es noch – dass das ihre Chance war, einfach aus diesem Leben zu gehen. Ganz undramatisch. Sie hätte in diesem Augenblick einfach ein neues Leben anfangen können. Aber sie war noch nicht so weit – deshalb hatte Sie abgelehnt.

Als ich mir diesen Traum ein paar Tage danach in der Kontemplation anschaute, sah ich eine Art Karusell, das in stoischer Gleichsamkeit eine Runde nach der anderen drehte und als dieser eine Mann meiner Mutter anbot, mitzukommen, war der Abschnitt des Karusells bei ihr angekommen, der eine Tür öffnete.  Sie hätte das Karusell ihres damaligen Lebens verlassen können.

Sie hatte es aber abgelehnt.

Also hatte sich das Karusell weitergedreht – und sie musste warten, bis das Tor wieder auftauchte. Jahre später.

Bis dahin mussten wir sie in einem Pflegeheim unterbringen – viele Jahre des im Bett liegens oder im Rollstuhl sitzens, ohne sich selbst bewegen zu können. Manchmal – Besucher von Pflegeheimen werden das kennen – fand ich sie seitlich aus dem Rollstuhl hängend, weil noch kein Pfleger vorbeigekommen war, um sie wieder aufzurichten.

Sie war geistig wach, wusste also sehr genau, wie es um sie stand und dass sie sich in eine Sackgasse manövriert hatte, aber ihr blieb nichts anderes mehr übrig, als darauf zu warten, bis sich das Karusell ihres Leben weiter gedreht hatte und diese seltsame Tür wieder auftauchte, durch das sie endlich weiter gehen konnte – in ein neues und besseres Leben. Und als es schließlich auftauchte, kämpfte sie den Kampf ihres Lebens, um doch noch zu bleiben … manchmal haben wir doch eine große Furcht vor etwas Neuem!

Herz_mit_FluegelZyklen sind etwas, das jedes Leben steuert. Nichts und niemand kann sie aufhalten. Klick um zu Tweeten

Aber sie bringen immer auch neue Möglichkeiten, um einen neuen goldenen Zyklus zu starten.

Alles, was es braucht, ist eine gewisse Aufmerksamkeit – und eben dann den Mut, die Chance zu ergreifen, wenn sie sich bietet. Sonst kann es ziemlich lange dauern, bis sich das Karusell Ihres Leben wieder so weit weiter gedreht hat, um eine neue Chance zu bieten …

Studieren Sie Ihre Träume! Spielen Sie mit Ihnen! Das Leben ist eine gewaltige Schatztruhe voller Wunder, die sich nur nicht immer sofort öffnen lässt.

Aber sie lässt sich öffnen! Und darauf kommt es doch an, oder?

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