Über mich

Zwei Partner betrieben zwei wirklich sehr gut gehende Trend-Kneipen in meiner Stadt. Mit beiden war ich befreundet. Einer hatte die Idee, sich eine brachliegende Kneipe zu pachten und komplett aufzumotzen – vor der Stadt! Er wollte da ein richtig großes Ding draus machen. Der andere hatte kein Interesse.

„Nie im Leben, dass das funktioniert!” war meine Meinung. Zu groß, zu weit vor der Stadt – also nur mit dem Auto erreichbar, sprich: Alkoholuntauglich, und eigentlich sinnlos, weil: Wieso noch eine Kneipe? Was wäre dabei das Herausragende? Und selbst wenn es funktionierte, so meine Schlussfolgerung, wird es eure bestehenden Kneipen kanibalisieren – wieso also?

Es wurde das wohl erfolgreichste Gastronomieprojekt in weitem Umkreis – und ich lag so was von falsch!

Man kann sich irren – und ob man sich nun oft oder selten irrt, mit der Zeit habe ich verstanden, es könnte sein, dass jemand einem falschen Rat folgt …

Ein frisch gebackener Heilpraktiker wollte eine Praxis eröffnen. Seine Freundin hatte ihm einen Businessplan gebastelt – ob ich da mal drüber schauen und meine Meinung sagen würde. Machte ich. Daraus entwickelte sich ein wirklich interessantes Projekt. Der Plan: Test für Test, mit echten Klienten/Patienten, schrittweise rein ins Geschäft – und dabei gleichzeitig Schritt für Schritt das Geld für die Praxis verdienen, statt bei der Bank zu leihen.

Er war wirklich gut in dem, was er machte und seine Einsichten waren erste Sahne. Das erste Testprojekt war ein Riesenerfolg! Dann machte er Krankenvertretung für eine befreundete Heilpraktikerin – die nur noch ein knappes Jahr bis zum Ruhestand hatte … und ihre Praxis verkaufen wollte – Räume, die er plötzlich unbedingt haben wollte. Unbedingt. Egal zu welchem Preis!

Mit der Geschwindigkeit eines Wimpernschlags war das Testprojekt vergessen, waren die Einsichten, die er daraus gewonnen hatte, vergessen, war die Keine-Finanzierungs-Idee vergessen. Er wollte die Räume haben – er bekam sie. In den zehn Jahren, die folgten, konnte er finanziell nie einen Fuß auf die Erde kriegen. Nie. Und manches Mal musste er zusätzlich Geld leihen, nur um die Kredite tilgen zu können. Ich hatte also Recht

Aber man kann Recht haben und doch falsch liegen, denn er war glücklich – und ist es bis heute! Er ist, was er immer sein wollte: Heilpraktiker – noch dazu einer, der bei vielen Ärzten nicht nur sehr angesehen ist, sondern sie sogar in seinem hochspeziellen Fachgebiet ausbildet. Universitätsprofessoren eingeschlossen …

Wir sind alle Träumer, unterwegs in unseren eigenen Träumen. Wer, außer dem Träumer selbst, kann sie wirklich kennen? Die einzigen Maßstäbe, die Geltung haben, wenn es darum geht, der Spur der eigenen Träume zu folgen, sind die eigenen – selbst dann, wenn sie erst noch entwickelt werden müssen! Und ich kann nicht wissen, was Sie oder irgend wer sonst in seinen Träumen sieht, verfolgt oder verwirklichen will.

Die Kunst liegt nicht darin, Recht zu haben, sondern im entscheidenden Moment loszulassen und weiterzugehen. Er konnte das. Ich brauchte noch eine Weile … 🙂

Als ich die Welt der Blogger und Blogs entdeckte, war ich hingerissen! Texte ließen sich mit einem einfachen Mausklick veröffentlichen. Jeder konnte sie lesen! Nur leider war ich in meinem ganzen Bekanntenkreis der einzige, der das tat.

Also drängelte ich Anne Kerstin Busch, doch auch zu bloggen – meinetwegen nur ein einziges Mal in der Woche. Und sie tat es! Es dauerte gar nicht lange, bis wir einen kleinen privaten Wettbewerb veranstalteten: Wer würde als erster in dieser Woche posten? 🙂

Aber für Anne war das damals noch ziemliches Neuland – und ihre Vorbehalte, wer da jetzt alles ihre Texte lesen konnte, wer sie auf welche Weise kommentieren würde, wer auf Grund ihrer Texte wie über sie denken konnte, die waren durchaus nicht klein. Texte ins Notizbuch zu schreiben, das man zu Hause hat, mit Schreibfehlern, schludriger Grammatik, verdrehten Gedanken ist eine Sache, aber das Geschriebene zu einem fixen Termin in die Öffentlichkeit stellen? Dazu braucht es schon ein bisschen Mut! Und Anne hatte ihn! Woche für Woche veröffentlichte sie einen neuen Beitrag. Und wenn es Kommentare gab, waren sie freundlich und zustimmend.

Bis sie eines Tages einen Beitrag veröffentlichte, von dem ich – sagen wir: nicht so viel hielt. Ich rief sie an.

„Und?” fragte sich mich erwartungsvoll. „Hast du meinen neuen Beitrag schon gelesen?”

„Ja, hab ich,” war meine Antwort, „aber – das kannst du besser.”

Ich glaube, für einen Moment lang fühlte sie sich wie von einem fahrenden ICE gestreift. Sie hatte einen Beitrag mit Herzblut geschrieben, ihn veröffentlicht und sich selbst damit der Öffentlichkeit preisgegeben. Und dann ruft sie ein Freund an und sagt ihr, dass er nicht viel davon hält! Echt jetzt? Sie erwog tatsächlich das Bloggen wieder einzustellen …

Wenn man solche Freunde hat, braucht man keine Feinde mehr 🙂

Einige Wochen später erhielt sie in ihrem Blog zu genau diesem Beitrag einen Kommentar. Eine Frau schrieb, wie sehr sie durch ihn berührt und angehoben wurde, und dass sie sich sehr dafür bedanke…

Keiner schreibt an jedem Tag in Hochform. Ich weiß nicht, wieviele hundert Schrottbeiträge ich selbst schon veröffentlicht habe!

Und bloggen ist nicht Bücher schreiben! Bloggen ist bloggen! Bloggen ist heiß und aktuell, keineswegs immer präzise! Bloggen ist eine Momentaufnahme des Innenzustandes, ein aufblitzender Gedanke, oft roh und nicht ganz zu Ende gedacht – folglich sind viele Blogbeiträge – würde man sie im Kontext eines Buches betrachten – Ausschuss. Schrott! Erbärmlich! Aber sie bringen einen weiter, weil man sie geschrieben und veröffentlicht hat! Und immer wieder nicht nur den Schreiber!

In ihnen liegen, oft unserem kritischen Auge verborgen, glitzernde Juwelen. Wir sehen sie nicht, weil sie nicht für uns sind! Selbst dann nicht, wenn sie vielleicht sogar von uns sind, oder besser: durch uns kamen! Von der Liebe geführt und schließlich durch den Schreiber am Wegesrand ausgestreut, sind sie für andere, die vielleicht schon bald hier entlang kommen. Kann es da wirklich sinnvoll sein, jemanden daran zu hindern, diese Juwelen auszustreuen? Durch einen solchen Kommentar?

Über mich

Ob mir das leid tut? Natürlich tut mir das leid – und doch glaube ich nicht an Fehler!

Viel eher glaube ich an beidseitige Lernprozesse. Und an Entwicklung! Mein Ausschuss, meine Fehler und Fehleinschätzungen sind sowohl Schicksal als auch Chance (um mal Torwald Detlefsen zu zitieren), für mich und alle Beteiligten:

Der eine Freund entwickelte die Kraft, seiner Vision zu folgen und eine wirklich große, sehr erfolgreiche Gaststätte zu bauen, statt meinem zweiflerischen Flüstern zu lauschen! Ihm gab meine falsche Einschätzung eine Gelegenheit, sich zu entscheiden, an sich oder an den Zweifel zu glauben – und ich lernte, dass ganz egal wie logisch mir etwas erscheint, es doch eine Illusion sein kann.

Mein befreundeter Heilpraktiker hat über die Erfahrungen der letzten zehn Jahre verstanden, dass er auch ohne finanzielle Bauchschmerzen an sein Ziel hätte kommen können. Und ich habe gelernt, dass verschiedene, durchaus gleichberechtigte Wege zum gleichen Ziel führen können und das Ziel selbst oft längst nicht so wichtig ist, wie der Weg zu ihm – nicht zuletzt der vielen am Wegesrand verstreuten Juwelen der Erkenntnis wegen. 🙂

Anne spülte mein dummer Kommentar in eine Situation, in der sie sich entscheiden musste, an sich selbst oder an Kommentare zu glauben. Gute oder schlechte Kommentare, beides sind nur Meinungen für den, der sie wichtig nimmt. Sie sind nur an ihn adressiert – mehr nicht!

Künstler, egal ob sie schreiben, malen, zeichnen, nähen, biegen oder sägen, sind das Werkzeug, durch den die Liebe sich selbst sichtbar macht. Und ich habe gelernt, dass am Ende aufbauende Kommentare allen Beteiligten mehr bringen, als achtlos dahin geworfenes Geschwätz und das Texte, die nicht für mich sind, von mir auch nicht beurteilt werden können …

Mehr wüsste ich über mich nicht zu sagen 🙂